Schweinfurt hat Weltindustriegeschichte geschrieben. Aus einer mittelgroßen fränkischen Stadt ging Ende des 19. Jahrhunderts die globale Wälzlagerindustrie hervor – eine Konstellation von Erfindergeist, unternehmerischem Mut und glücklichen Zufällen, die ihresgleichen sucht. Friedrich Fischers Kugelmühle, Ernst Sachs‘ Torpedo-Nabe, die Firmengründungen von FAG, SKF und Fichtel & Sachs: Schweinfurt wurde zum „Ball Bearing Valley“, zum Synonym für Präzisionsmechanik. Diese Erfolgsgeschichte ist real und bleibt bestehen. Doch genau das, was Schweinfurt einst stark machte – die hochgradige Spezialisierung, die Clustereffekte, die Verflechtung mit der Automobilindustrie – wird nun zur strukturellen Falle. Denn Wirtschaftsgeschichte zeigt: Regionen, die durch Pfadabhängigkeiten in obsolete Technologien eingeschlossen sind, gelingt der Strukturwandel nur unter äußerst seltenen Bedingungen. Das Ruhrgebiet ist nicht zu neuer Blüte auferstanden. Und Schweinfurts Transformation ist unter den aktuellen Bedingungen – keine wachsende Wirtschaft, keine nachkommenden Branchen – nicht zu erwarten.
1. Spezialisierung ist eine Wette auf die Zukunft – nicht deren Garantie
Die Lektion: Schweinfurts außergewöhnliche Leistung – die Schaffung einer Weltindustrie aus einer mittelgroßen Stadt heraus – beruhte auf hochgradiger Spezialisierung. Diese Spezialisierung brachte Clustereffekte, Skalenvorteile und Exzellenz. Doch je erfolgreicher die Spezialisierung, desto größer die Verwundbarkeit bei technologischen oder ökonomischen Paradigmenwechseln.
2. Implizites Wissen ist nicht übertragbar – Transformationen scheitern am Menschen
Die Lektion: Die Schweinfurter Wälzlager-Ingenieure und Facharbeiter besitzen implizites Wissen (tacit knowledge), das über Jahrzehnte aufgebaut wurde: Wie klingt ein perfekt geschliffenes Lager? Welche Abweichungen in Prüfdaten deuten auf Probleme hin? Diese Expertise ist nicht kodifizierbar und nicht übertragbar auf neue Technologien.
3. Pfadabhängigkeiten sind strukturelle Fallen, keine individuellen Fehler
Die Lektion: Die Schweinfurter Krise ist nicht das Ergebnis von Managementversagen, fehlender Innovationskraft oder politischer Untätigkeit – auch wenn all das eine Rolle spielt. Sie ist primär das Ergebnis struktureller Pfadabhängigkeiten: vergangene Investitionen, ko-spezialisierte Netzwerke, implizites Wissen und Lock-in-Effekte.
4. Regionale Transformationen auf gleichem Niveau sind historisch extrem selten
Die Lektion: Die Wirtschaftsgeschichte zeigt ein ernüchterndes Muster: Regionen, die durch Mono-Industrien geprägt waren und deren Kerntechnologie obsolet wurde, gelang fast nie eine Transformation auf gleichem Wohlstands- und Beschäftigungsniveau.
5. Historische Leistungen garantieren keine Zukunft – Mythen sind gefährlich
Die Lektion: Schweinfurt hat etwas historisch Außergewöhnliches geschaffen – die Wälzlagerindustrie ging von dieser Stadt aus, eine Leistung, die weltweit ihresgleichen sucht. Diese Leistung ist real und bleibt bestehen.
Aber: Diese historische Leistung garantiert keine Zukunft. Und die Feier dieser Leistung – wie in der AKI-Ausstellung 2017 – kann zur Realitätsverweigerung werden, wenn sie aktuelle Probleme ausblendet.
I. Das Wunder von Schweinfurt: Eine historische Singularität
Es gibt in der Industriegeschichte nur wenige Orte, von denen man sagen kann: Hier entstand eine Weltindustrie. Manchester für die Baumwollindustrie. Detroit für die Automobilindustrie. Das Silicon Valley für die Computerindustrie. Und Schweinfurt für die Wälzlagerindustrie.
Was diese Orte auszeichnet, ist nicht nur ökonomischer Erfolg, sondern der Impuls: Nicht die Ansiedlung existierender Industrien, sondern ihre Entstehung. Nicht das Management von Wachstum, sondern die Schöpfung einer neuen Branche. Und dieser Impuls ging in Schweinfurt von wenigen Personen aus – eine Konstellation, die nur sehr selten vorkommt.
Die Fakten sind beeindruckend: Eine Stadt mit heute gut 50.000 Einwohnern (Ende 19. Jahrhundert deutlich kleiner) brachte hervor:
- Friedrich Fischer (1849-1899): Erfindung der Kugelmühle (1883), die erst die industrielle Produktion von Präzisions-Stahlkugeln ermöglichte
- Wilhelm Höpflinger: Gründung einer weiteren Kugellagerfabrik (später SKF)
- Ernst Sachs & Karl Fichtel: Gründung von Fichtel & Sachs (1895), Torpedo-Nabe (1903)
- Aus diesen Anfängen: FAG Kugelfischer, SKF GmbH, ZF Friedrichshafen (ehem. F&S)
Bis zum Ersten Weltkrieg 1914 war Schweinfurt das Weltzentrum der Kugellagerindustrie – „Ball Bearing Valley“ oder „Friction Town“. Die strategische Bedeutung war so groß, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg massiv bombardiert wurde: Kugellager waren kriegsentscheidend.
Diese Leistung bleibt bestehen. Sie ist real, nicht beschönigt. Schweinfurt hat etwas geschaffen, das weltweit einzigartig ist. Die AKI-Ausstellung 2017 zeigt diese Geschichte zu Recht mit Stolz.
II. Die Anatomie des Erfolgs: Warum gerade Schweinfurt?
Die Entstehung der Schweinfurter Wälzlagerindustrie war keine zwingende historische Notwendigkeit, sondern eine glückliche Konstellation. Mehrere Faktoren kamen zusammen:
1. Der technologische Impuls
Friedrich Fischers Kugelmühle (1883) löste ein fundamentales Problem: Die bis dahin aus England importierten Kugeln waren von unzureichender Qualität – ihre Rundheit und Maßhaltigkeit entsprachen nicht den Anforderungen der aufkommenden Fahrradindustrie. Fischers „centerless“-Schleifverfahren mit exzentrischen Schleifscheiben erreichte erstmals Präzisionen unter 20 µm – ein Quantensprung.
Diese technische Innovation war notwendig, aber nicht hinreichend für den Erfolg Schweinfurts.
2. Die unternehmerische Umsetzung
Fischer gründete 1883 sein Unternehmen, aber erst Georg Schäfer (Übernahme 1909) führte es zur wirtschaftlichen Blüte (FAG Kugelfischer). Ernst Sachs kombinierte technischen Pragmatismus mit Geschäftssinn: „Ich will Komponenten bauen, die jeder braucht. Das garantiert hohe Stückzahlen.“ Die Torpedo-Nabe (1903) war keine technische Revolution, sondern clevere Integration (Radlager + Freilauf + Rücktrittbremse) – aber sie war massenmarkttauglich.
3. Die Clustereffekte
Entscheidend war die lokale Verdichtung. Fischer, Höpflinger (später SKF) und Sachs waren nicht Konkurrenten, die sich gegenseitig bekämpften, sondern Teil eines Ökosystems:
- Zulieferer für Rohmaterial (Stahl)
- Maschinenbauer für Spezialmaschinen
- Facharbeiter mit spezifischem Know-how
- Ingenieure und Konstrukteure, die zwischen Firmen wechselten
- Familiäre Netzwerke (Höpflinger war Sachs‘ Schwiegervater!)
Alfred Marshall nannte dies 1890 „industrial districts“ – was wir heute Cluster nennen. Die Konzentration schafft Externalitäten: Jedes Unternehmen profitiert von der Anwesenheit der anderen, ohne dafür direkt zu zahlen.
4. Das Markttiming
Die Schweinfurter Gründungen fielen in die Phase massiver Nachfrage:
- Fahrrad-Boom (1880er-1900): Massenverkehrsmittel vor dem Auto
- Automobil-Aufstieg (ab 1900): Radlager, Kupplungen, Stoßdämpfer
- Industrialisierung (Gesamtprozess): Maschinen brauchen Lager
Die Wälzlager waren General Purpose Technology – einsetzbar überall, wo sich etwas dreht. Diese universelle Anwendbarkeit sicherte jahrzehntelanges Wachstum.
5. Die staatliche Rahmung
Deutschland war um 1900 die aufsteigende Industriemacht – mit Schutzzöllen, Patentrecht, technischen Hochschulen, Ingenieurskultur. Schweinfurt profitierte vom allgemeinen deutschen Wirtschaftswachstum und der staatlichen Förderung technischer Innovation.
Zusammenfassung: Schweinfurts Erfolg war das Zusammentreffen von technischer Innovation (Fischer), unternehmerischem Geschick (Sachs, Schäfer), lokalen Clustereffekten, richtigem Timing und nationalem Wirtschaftsaufschwung. Eine solche Konstellation ist historisch selten – und nicht reproduzierbar.
III. Der erste Bruch: 1929 und die strategische Weichenstellung
Die Geschichte der Schweinfurter Wälzlagerindustrie kennt mehrere Wendepunkte. Einer davon ist das Jahr 1929 – oft übersehen, aber von großer struktureller Bedeutung.
Ernst Sachs erkannte, dass sein Unternehmen in der Kugellagerproduktion nicht die nötigen Skaleneffekte erzielen konnte. SKF war bereits Weltmarktführer mit vertikaler Integration (Erzgruben, Stahlwerke), FAG Kugelfischer hatte Georg Schäfer als kapitalkräftigen Eigentümer. Sachs hatte weder das eine noch das andere.
Die Entscheidung: Verkauf der Kugellagerproduktion an SKF. Neuausrichtung auf Automobilzulieferung (Kupplungen, Stoßdämpfer) durch Übernahme der Stempelwerk GmbH Frankfurt.
Andreas Dornheim beschreibt in seiner Biografie „SACHS – Mobilität und Motorisierung“ diese Weichenstellung nüchtern. Sie war rational im Moment: Sachs konnte in Kugellager nicht mit SKF mithalten. Aber sie war fatal in der Frist: Das Unternehmen gab ein Kerngeschäft auf (Präzisionsmechanik, Wälzlager) und band sich vollständig an die Automobilindustrie.
Dies ist exemplarisch für einen breiteren Prozess: Die Schweinfurter Wälzlagerindustrie spezialisierte sich zunehmend auf Automobil-Radlager. Während Wälzlager zunächst General Purpose Technology waren (Fahrräder, Motorräder, LKW, Eisenbahn, Industriemaschinen, Schiffe, Flugzeuge), verengte sich der Fokus auf Automotive.
Die Zahlen aus dem AKI-Begleitband sind eindrucksvoll:
- Jährliche Weltproduktion PKW-Radlager (HUB UNITS): ~350 Mio. Stück
- Marktwert: ca. 6 Mrd. €
- Marktanteil SKF + Schaeffler: ca. 25%
Aber diese Spezialisierung schuf Pfadabhängigkeiten. Je mehr die Schweinfurter Firmen in Automotive-Radlager investierten – in Entwicklung, Produktionsanlagen, Fachkräfte-Know-how, Kundenbeziehungen – desto schwerer wurde die Umorientierung auf andere Märkte.
1929 war nicht das „alles entscheidende Ereignis“ im Sinne eines Determinismus. Aber es war ein kritischer Wendepunkt, der die Weichen stellte für Entwicklungen, die sich Jahrzehnte später als problematisch erweisen sollten.
IV. Pfadabhängigkeiten: Warum Erfolg zur Falle wird
Der Begriff Pfadabhängigkeit (path dependence) stammt aus der institutionellen Ökonomik und beschreibt ein Phänomen, das in Schweinfurt exemplarisch sichtbar wird: Vergangene Entscheidungen schränken zukünftige Optionen ein, auch wenn sich die Rahmenbedingungen fundamental ändern.
Die Mechanismen der Pfadabhängigkeit
1. Sunk Costs (versunkene Kosten)
Schweinfurter Wälzlagerhersteller haben über Jahrzehnte in spezialisierte Produktionsanlagen investiert: Schleifmaschinen für Kegelrollenlager, Wälznietanlagen für HUB UNITS der 3. Generation, Prüfstände für Hochgeschwindigkeitslager. Diese Investitionen sind spezifisch – sie lassen sich nicht einfach auf andere Produkte umrüsten.
Ein Beispiel: Eine Anlage zur Produktion von PKW-Radlagern der Generation 3 mit integriertem ABS-Impulsgeber kostet Millionen. Sie ist optimiert für Stückzahlen im sechsstelligen Bereich, für bestimmte Durchmesser, für die Integration mit Bremsscheiben. Diese Anlage kann keine Windkraftanlagen-Lager produzieren. Sie ist festgelegt.
2. Komplementarität und Ko-Spezialisierung
Wälzlagerhersteller sind eingebunden in Wertschöpfungsketten. Ein PKW-Radlager entsteht nicht isoliert, sondern in Kooperation mit:
- Stahllieferanten (spezielle Legierungen)
- Maschinenbauern (Schleif-, Här- und Prüfanlagen)
- Automobilherstellern (technische Spezifikationen, Testverfahren)
- Ingenieurbüros (FEM-Berechnungen, Simulationen)
Diese Partner haben sich ko-spezialisiert: Ihre Produkte und Dienstleistungen sind optimiert für die bestehende Technologie. Eine Umstellung auf fundamental neue Produkte würde die gesamte Kette betreffen – und ist deshalb teuer und riskant.
3. Implizites Wissen (tacit knowledge)
Die Schweinfurter Facharbeiter und Ingenieure verfügen über implizites Wissen, das nicht kodifizierbar ist: Wie fühlt sich ein perfekt geschliffenes Lager an? Welche Geräusche weisen auf Probleme im Härtungsprozess hin? Wie interpretiert man Abweichungen in Prüfstandsdaten?
Dieses Wissen – Michael Polanyi nannte es „We know more than we can tell“ – ist das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung. Es ist nicht übertragbar auf völlig neue Technologien. Ein Facharbeiter mit 30 Jahren Erfahrung in Kegelrollenlagern kann nicht einfach Batteriezellen oder Leistungselektronik herstellen.
4. Netzwerkeffekte und Lock-in
Je mehr Automobilhersteller Schweinfurter Radlager verwenden, desto standardisierter werden die Schnittstellen, desto mehr Zulieferer orientieren sich daran, desto schwerer wird der Wechsel. Dies ist ein Lock-in: Das bestehende System perpetuiert sich selbst, auch wenn bessere Alternativen existieren.
Ein historisches Beispiel ist die QWERTY-Tastatur: Sie ist nicht optimal (es gibt ergonomischere Layouts), aber sie ist Standard geworden – und deshalb kaum zu verdrängen. Ähnlich bei Radlagern: Solange Autos Verbrennungsmotoren haben, brauchen sie die bestehenden Lagertypen. Aber was, wenn E-Autos fundamental andere Anforderungen stellen?
Schweinfurt im Jahr 2024: Gefangen im Pfad
Die aktuelle Krise der Schweinfurter Wälzlagerindustrie ist das Sichtbarwerden dieser Pfadabhängigkeiten:
- SKF: Abbau von ~500 Stellen in 18 Monaten, weitere ~400 geplant, bis zu 1.300 insgesamt zur Disposition
- Schaeffler: Restrukturierung „Bearings & Industrial Solutions“ wegen Margendruck
- ZF, Bosch Rexroth: Ebenfalls Stellenabbau
Der Grund: Die E-Mobilitäts-Transformation der Automobilindustrie macht viele der bestehenden Kompetenzen partiell obsolet. E-Autos brauchen weniger Radlager (weniger bewegte Teile), andere Lagertypen (direkte Motoren in den Rädern?), und vor allem: völlig andere Komponenten (Batterien, Leistungselektronik, Elektromotoren).
Die Schweinfurter Hersteller reagieren mit:
- Produktionsverlagerungen in Niedriglohnländer (Kostendruck)
- Kapazitätsanpassungen (Überkapazitäten abbauen)
- Diversifizierung (Industrielager, Windkraft, Medizintechnik)
Aber die strukturelle Frage bleibt: Wenn das Kerngeschäft (Automotive-Radlager) schrumpft, können neue Geschäftsfelder das kompensieren? Und wenn ja, zu welchen Kosten?
VI. Warum Transformationen scheitern: Die strukturellen Bedingungen
Die Wirtschaftsgeschichte zeigt: Regionale Transformationen auf gleichem Niveau sind extrem selten gelungen. Warum?
1. Das Wachstumsproblem
Eine Transformation kann nur gelingen, wenn:
a) Neue Branchen entstehen, die die schrumpfenden ersetzen
b) Diese Branchen sich in der betroffenen Region ansiedeln
c) Die Gesamtwirtschaft wächst, sodass Übergänge abgefedert werden
Alle drei Bedingungen müssen gleichzeitig erfüllt sein. Das ist historisch selten.
Beispiel Silicon Valley (Erfolg):
- Alte Branche: Obstanbau (Kalifornien als „Valley of Heart’s Delight“)
- Neue Branche: Halbleiterindustrie (1950er), später IT und Internet
- Wachstum: USA in Nachkriegsboom, massive Militär- und Universitätsinvestitionen
Ergebnis: Erfolgreiche Transformation
Aber: Das Silicon Valley ist die Ausnahme, nicht die Regel. Und selbst dort war es nicht die bestehende Branche (Obstbauern), die transformierte, sondern neue Akteure (Fairchild, Intel, Apple), die sich ansiedelten.
2. Das Kompetenztransfer-Problem
Implizites Wissen ist nicht übertragbar. Ein Bergmann kann nicht Softwareentwickler werden. Ein Stahlwerker kann nicht Pflegekraft werden (technisch möglich, aber selten gewünscht). Ein Wälzlager-Ingenieur kann nicht einfach Batteriezellen entwickeln.
Umschulungen funktionieren individuell, aber nicht massenhaft. Wenn Tausende Arbeitsplätze wegfallen, reichen Einzelumschulungen nicht.
Das demografische Problem: Die meisten betroffenen Fachkräfte sind über 40 – mit 30+ Jahren Berufserfahrung in einer Spezialtechnologie. Eine Umschulung auf völlig neue Bereiche ist:
- Technisch schwierig (implizites Wissen nicht übertragbar)
- Psychologisch belastend (Verlust von Status und Identität)
- Finanziell unattraktiv (Einstieg in neue Branche oft mit Gehaltseinbußen)
Die ehrliche Bilanz: Die meisten werden entweder arbeitslos, gehen in Frührente oder nehmen niedrig qualifizierte Jobs an.
3. Das Ansiedlungsproblem
Warum siedeln sich neue Branchen nicht in betroffenen Regionen an?
a) Fehlende Kompetenzen: IT-Unternehmen brauchen Informatiker, Biotechnologie braucht Biologen – aber in Schweinfurt gibt es Wälzlager-Ingenieure.
b) Fehlende Netzwerke: Neue Branchen brauchen Zulieferer, Forschungseinrichtungen, Kunden – die existieren woanders (München, Berlin, Frankfurt).
c) Stigmatisierung: Regionen im Niedergang werden als „Verlierer“ wahrgenommen – was Ansiedlungen erschwert.
d) Lock-in anderswo: Neue Branchen siedeln sich dort an, wo sie bereits sind (Agglomerationseffekte). IT in München, Biotech in Boston, Finanzen in Frankfurt – nicht in schrumpfenden Regionen.
4. Das Timing-Problem
Transformation braucht Zeit – oft Jahrzehnte. Aber:
- Die E-Mobilitäts-Transformation verläuft schnell (10-15 Jahre)
- Deutschland ist nicht in einer Wachstumsphase (stagnierende Wirtschaft, demografischer Wandel)
- Die globale Konkurrenz ist stärker als je zuvor (China, USA)
Das Ruhrgebiet hatte 40 Jahre Zeit und massive Subventionen – und transformierte trotzdem nicht auf gleichem Niveau. Schweinfurt hat vielleicht 10 Jahre – und keine Subventionen vergleichbaren Umfangs.
VIII. Schweinfurt heute: Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Die AKI-Ausstellung 2017 präsentierte Schweinfurt als Erfolgsgeschichte. Und das ist sie auch – historisch. Aber die Frage ist: Was bedeutet diese Erfolgsgeschichte für die Zukunft?
Die Realität 2024/25
Die Zahlen sind ernüchternd:
- SKF: Bis zu 1.300 Arbeitsplätze zur Disposition
- Schaeffler: Restrukturierung, Stellenabbau
- ZF, Bosch Rexroth: Ebenfalls Personalabbau
- Gesamtschätzung: Mehrere Tausend Arbeitsplätze gefährdet
In einer Stadt mit 50.000 Einwohnern sind 3.000-5.000 bedrohte Industriearbeitsplätze existenziell. Die Multiplikatoreffekte (Zulieferer, Einzelhandel, Dienstleistungen) vervielfachen die Wirkung.
Die IG Metall organisiert Aktionen wie „SOS Kugellagerstadt“ und warnt vor einem „Niedergang“. Die Unternehmen verweisen auf „Kostendruck“, „Strukturwandel“, „globalen Wettbewerb“.
Die drei Szenarien
Szenario 1: Managed Decline (Wahrscheinlich)
- Schrittweiser Stellenabbau über 10-15 Jahre
- Produktionsverlagerungen, aber Entwicklung bleibt (vorerst)
- Schweinfurt wird „Kompetenzstandort“ mit deutlich reduzierter industrieller Basis
- Soziale Verwerfungen werden durch Übergangsprogramme abgefedert
- Die Region schrumpft, bleibt aber funktional
Szenario 2: Vollständiger Niedergang (Möglich)
- Produktion wird vollständig verlagert
- Entwicklung folgt mittelfristig (Offshoring nach Indien, China)
- Schweinfurt verliert seine industrielle Basis vollständig
Massive Abwanderung, besonders junger und qualifizierter Menschen - Die Stadt wird „Schrumpfungsregion“ wie Teile des Ruhrgebiets
Szenario 3: Erfolgreiche Transformation (Unwahrscheinlich)
- Schweinfurt gelingt der Schwenk auf neue Technologien (E-Mobilität, Medizintechnik, Robotik)
- Neue Branchen siedeln sich an und kompensieren Verluste
- Die Region bleibt Industriestandort auf hohem Niveau
- Vollbeschäftigung und Wohlstand bleiben erhalten
Einschätzung: Szenario 1 ist am wahrscheinlichsten, Szenario 2 möglich, Szenario 3 unter den aktuellen Bedingungen extrem unwahrscheinlich.
Warum Szenario 3 unwahrscheinlich ist
Die Bedingungen für eine erfolgreiche Transformation sind nicht gegeben:
1. Fehlende neue Branchen:
- E-Mobilität: Die Wertschöpfung verschiebt sich zu Batterien und Software – beides keine Schweinfurter Stärken
- Medizintechnik: Wälzlager werden benötigt, aber der Markt ist kleiner als Automotive
- Robotik: Potenziell relevant, aber die Kompetenzen liegen woanders (Japan, USA)
2. Fehlende Wachstumsdynamik:
- Deutschland: Stagnierende Wirtschaft, demografischer Wandel, hohe Energiekosten
- Europa: Ähnliche Probleme, zusätzlich geopolitische Unsicherheit
- Global: China wächst, USA wachsen, aber Europa stagniert
3. Fehlende Investitionen:
- Unternehmen: Verlagern Produktion, investieren zu wenig in Transformation am Standort
- Staat: Schuldenbremse, Sparpolitik, keine großangelegte Industriepolitik
- EU: Strukturfonds reichen nicht für Transformationen dieser Größenordnung
4. Fehlende Zeit:
- Die E-Mobilitäts-Transformation verläuft schnell (10-15 Jahre)
- Schweinfurt bräuchte 20-30 Jahre für eine Transformation auf gleichem Niveau
Die Diskrepanz ist strukturell nicht lösbar
IX. Die Lehren: Was wir aus Schweinfurts Geschichte lernen können
Schweinfurts Geschichte – von der „Wiege der Wälzlagerindustrie“ bis zur aktuellen Krise – enthält mehrere unbequeme Wahrheiten:
1. Erfolg ist nicht dauerhaft
Schweinfurt hat etwas historisch Außergewöhnliches geschaffen. Aber historische Leistungen garantieren keine Zukunft. Was gestern Stärke war (Spezialisierung, Clustereffekte, Verflechtung mit Automotive), ist heute Schwäche (Pfadabhängigkeiten, fehlende Diversifikation, Abhängigkeit von schrumpfender Branche).
2. Spezialisierung ist Risiko
Cluster sind effizient – aber verwundbar. Je spezialisierter eine Region, desto produktiver ist sie (Skaleneffekte, Externalitäten) – aber desto gefährdeter bei technologischen oder ökonomischen Umbrüchen. Die Wirtschaftsgeschichte zeigt: Monokultur ist gefährlich, egal ob in Landwirtschaft, Industrie oder Dienstleistungen.
3. Pfadabhängigkeiten sind real
Vergangene Entscheidungen schränken zukünftige Optionen ein. Die Investitionen in Verbrenner-Technologie, die Kompetenzen der Fachkräfte, die Netzwerke der Zulieferer – all das ist nicht einfach umstellbar. Transformation ist nicht „Umschalten“, sondern „Abwicklung des Alten + Aufbau des Neuen“ – und letzteres ist viel schwieriger.
4. Transformationen scheitern meist
Die ehrliche Bilanz der Wirtschaftsgeschichte: Regionale Transformationen auf gleichem Niveau sind extrem selten gelungen. Das Ruhrgebiet scheiterte. Detroit scheiterte. Pittsburgh scheiterte. Manchester scheiterte. Die wenigen Erfolge (Silicon Valley) hatten außergewöhnlich günstige Bedingungen – die heute nicht vorliegen.
5. Mythen helfen nicht
Die AKI-Ausstellung 2017 feierte die Vergangenheit – während die Zukunft bereits erodierte. Diese Form der institutionalisierten Selbsttäuschung ist verständlich (Menschen brauchen Identität, Stolz, Hoffnung), aber sie ist nicht hilfreich. Realismus ist schmerzhaft, aber notwendig.
X. Schluss: Die Ehrlichkeit des Niedergangs
Schweinfurt hat Weltindustriegeschichte geschrieben. Von einer mittelgroßen fränkischen Stadt ging die Wälzlagerindustrie aus – eine Leistung, die ihresgleichen sucht. Friedrich Fischers Kugelmühle, Ernst Sachs‘ Torpedo-Nabe, die Firmengründungen von FAG, SKF und Fichtel & Sachs: Dies war eine historische Singularität, ein glückliches Zusammentreffen von Erfindungsgeist, Unternehmertum und Clustereffekten.
Diese Leistung bleibt bestehen. Auch wenn die AKI-Ausstellung 2017 die aktuellen Probleme ausblendete – die historische Bedeutung Schweinfurts ist real, nicht beschönigt.
Aber: Historische Leistungen garantieren keine Zukunft. Was Schweinfurt einst stark machte – die Spezialisierung auf Wälzlager, die Verflechtung mit der Automobilindustrie, die lokale Konzentration von Kompetenzen – wird nun zur strukturellen Falle. Die E-Mobilitäts-Transformation macht Teile dieser Kompetenzen obsolet. Die Pfadabhängigkeiten sind massiv. Die Bedingungen für eine erfolgreiche Transformation (neue Branchen, Wirtschaftswachstum, Zeit) sind nicht gegeben.
Die ehrliche Prognose lautet deshalb: Schweinfurt wird nicht auf gleichem Niveau transformieren. Die wahrscheinlichste Entwicklung ist ein managed decline – schrittweiser Stellenabbau, Produktionsverlagerungen, Schrumpfung der industriellen Basis. Die Region wird ihre zentrale Rolle in der Weltwirtschaft verlieren.
Dies ist keine Schuldzuweisung. Es ist nicht das Versagen einzelner Unternehmer, Manager oder Politiker. Es ist das Ergebnis struktureller Prozesse – Pfadabhängigkeiten, technologischer Wandel, globale Verschiebungen – die sich individuellen Handlungen weitgehend entziehen.
Aber es ist auch keine Naturkatastrophe. Andere Länder (USA, China) gestalten ihre Industriepolitik aktiver, investieren massiver in Transformation, akzeptieren höhere Staatsschulden zur Finanzierung des Wandels. Deutschland – mit Schuldenbremse, Sparpolitik, Investitionsstau – tut dies nicht.
Die letzte unbequeme Wahrheit lautet deshalb: Schweinfurts Niedergang ist nicht unvermeidbar, aber unter den aktuellen Bedingungen hochwahrscheinlich. Und diese Bedingungen zu ändern – das wäre Aufgabe der Politik. Aber solange Schuldenbremse wichtiger ist als Industriepolitik, solange Sparen höher bewertet wird als Investieren, solange Deutschland seine strukturellen Probleme verwaltet statt gestaltet – wird Schweinfurt nicht das letzte Opfer deutscher Deindustrialisierung sein.
Das Ruhrgebiet transformierte nicht auf gleichem Niveau. Stuttgart wird es nicht schaffen. Und Schweinfurt auch nicht.
Diese Ehrlichkeit ist schmerzhaft. Aber sie ist notwendig.
Ralf Keuper
Der Text als Videozusammenfassung: Schweinfurt: Von Welterfolg zur Strukturfalle
Quellen:
Primärquellen
Historische Dokumente
AKI-Förderkreis Industrie-, Handwerks- und Gewerbekultur Schweinfurt e.V. (2017)
Radlager – Ursprung der Wälzlager-Industrie in Schweinfurt
Begleitheft zur Ausstellung, März 2017
Verfügbar über: AKI-Förderkreis Schweinfurt
Kontakt: https://www.schweinfurt.de (Stadtarchiv)
Ursprung der Wälzlager-Industrie in Schweinfurt https://econlittera.bankstil.de/ursprung-der-waelzlager-industrie-in-schweinfurt
Patent-Schrift Nr. 55783
Friedrich Fischer: Kugelschleifmaschine (17. Juli 1890)
Deutsches Reichspatent
Recherchierbar über: https://depatisnet.dpma.de
Biografien und Unternehmensgeschichten
Dornheim, Andreas
SACHS – Mobilität und Motorisierung: Eine Unternehmensgeschichte https://econlittera.bankstil.de/sachs-mobilitaet-und-motorisierung
FAG Kugelfischer Georg Schäfer KGaA (1984)
Wälzlager auf den Wegen des technischen Fortschritts
Weppert KG, Schweinfurt
Historische Firmenchronik
Fichtel & Sachs AG (1995)
Sachs-Journal, 100 Jahre Sachs 1895/1995
Schweinfurt
Firmenjubiläumsschrift
Theoretische und wissenschaftliche Referenzen
Institutionenökonomik und Pfadabhängigkeit
North, Douglass C. (1990)
Institutions, Institutional Change and Economic Performance
Cambridge University Press
https://www.cambridge.org/core
DOI: 10.1017/CBO9780511808678
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JSTOR: https://www.jstor.org/stable/1805621
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The Economic Journal, Vol. 99, No. 394, pp. 116-131
https://www.jstor.org/stable/2234208
Systemtheorie
Luhmann, Niklas (1984)
Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main
Luhmann, Niklas (1988)
Die Wirtschaft der Gesellschaft
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main
Wissenstheorie
Polanyi, Michael (1966)
The Tacit Dimension
University of Chicago Press
https://press.uchicago.edu
Zentrales Konzept: „We know more than we can tell“
Managementtheorie
Drucker, Peter F. (1954)
The Practice of Management
Harper & Row
Konzept: „Management by Objectives“
Cluster- und Regionalökonomie
Marshall, Alfred (1890)
Principles of Economics
Macmillan and Co., London
https://oll.libertyfund.org/title/marshall-principles-of-economics-8th-ed
Konzept: „Industrial Districts“
Porter, Michael E. (1990)
The Competitive Advantage of Nations
Free Press
https://www.hbs.edu/faculty/Pages/item.aspx?num=189
Konzept: Cluster-Theorie
Die Diversifikations-Illusion der Standortpolitik https://econlittera.bankstil.de/die-diversifikations-illusion-der-standortpolitik
Aktuelle Berichterstattung und Pressemitteilungen
Titel: SOS Kugellagerstadt
Link:
https://schweinfurt.igmetall.de/aktuell/sos-kugellagerstadt
Text: Fordert Investitionen, Produktinnovationen und gutes Arbeitsplätze an Traditionsstandorten; klares Bekenntnis statt Verlagerungen in Niedriglohnländer; industriellen Wandel im Schulterschluss mit Beschäftigten gestalten.
Titel: „SOS Kugellagerstadt“: Industriestandort Schweinfurt mit Problemen
Link:
https://www.br.de/nachrichten/bayern/sos-kugellagerstadt-industriestandort-schweinfurt-mit-problemen,U9Tjyl9
Text: Berichtet über Probleme am Industriestandort Schweinfurt, im Kontext der IG-Metall-Kampagne „SOS Kugellagerstadt“.
Titel: Warum in Bayerns klassischer Industriestadt Schweinfurt …
Link: https://www.sueddeutsche.de/bayern/schweinfurt-automobilindustrie-stellenabbau-schaeffler-skf-bosch-rexroth-lux.Xpc8LH6WYd4G9fa1
Text: Diskutiert Stellenabbau bei Schaeffler, SKF, Bosch Rexroth in der Automobilzuliefererstadt Schweinfurt.
Titel: Schweinfurt: SKF hält am Abbau von 400 Stellen bis 2025 fest
Link: https://www.fraenkischertag.de/lokales/landkreis-bad-kissingen/wirtschaft/schweinfurt-skf-haelt-am-abbau-von-400-stellen-fest-ar
Text: SKF plant Abbau von 400 Stellen bis 2025 am Standort Schweinfurt.
Titel: SOS Kugellagerstadt: Zukunft für Industriearbeit in Sch…
Link:
https://schweinfurt.igmetall.de/aktuell/sos-kugellagerstadt-zukunft-fuer-industriearbeit-in-schwei
Text: Detaillierte Analyse zu Stellenabbau bei SKF (500 in 18 Monaten, weitere 400 bis 2025), ZF (über 2.000), Bosch Rexroth (240 bis 2028), Schaeffler; Forderungen nach Investitionen, gegen Verlagerungen; Kritik an Energiepreisen und Schuldenbremse; regionale Auswirkungen auf 52.891 Beschäftigte.
Titel: Alarmierende Entwicklungen in Schweinfurt: Industrieperle …
Link:
https://www.kettner-edelmetalle.de/news/alarmierende-entwicklungen-in-schweinfurt-industrieperle-vor-dem-niedergang-15-04-2024
Text: Alarmstimmung durch Stellenabbau bei SKF, Bosch Rexroth (240), ZF, Schaeffler; Verlagerungen nach China/Osteuropa; IG Metall „SOS Kugellagerstadt“-Kampagne; Forderung nach Investitionen und Politikwechsel.
Titel: Schaeffler zieht die Reißleine: Radikaler Umbau mit tiefen …
Link: https://www.nebenwerte-magazin.com/schaeffler-zieht-die-reissleine-radikaler-umbau-mit-tiefen-einschnitten-ist-das-der-schluesse
Text: Radikaler Umbau bei Schaeffler mit Einschnitten in Bearings & Industrial Solutions durch Konjunkturschwäche.
Titel: Schweinfurter Industrie: 1.300 Arbeitsplätze bei SKF in …
Link:
https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/schweinfurter-industrie-1-300-arbeitsplaetze-bei-skf-in-gefahr,UsFIi8l
Text: 1.300 Arbeitsplätze bei SKF in Schweinfurt gefährdet.
Titel: Schweinfurt: SOS Kugellagerstadt – IG Metall…
Link:
https://www.radiogong.com/aktuelles/news/lokales/schweinfurt-sos-kugellagerstadt-ig-metall-warnt-vor-stellenabbau
Text: IG Metall warnt vor Stellenabbau unter „SOS Kugellagerstadt“.
Titel: Aktionstag in Schweinfurt Kampf für Industriearbeitsplätze
Link:
https://www.igmetall.de/politik-und-gesellschaft/kampf-fuer-industriearbeitsplaetze-aktionstag-schweinfurt
Text: IG Metall Aktionstag für Industriearbeitsplätze in Schweinfurt.

