„Die amerikanische Herausforderung“ von Jean-Jacques Servan-Schreiber (1968)

Auszug:

Um angesichts der amerikanischen Herausforderung unser Schicksal wieder in die Hand zu bekommen, müssen wir uns, .. , zuerst einmal den Sachverhalt klarmachen und sodann beharrlich die Anstrengungen unternehmen, die wir nun aufzeigen wollen. Doch die Voraussetzungen dafür sind einfach aufzuzählen. Die Wege der Gegenoffensive liegen klar vorgezeichnet vor uns:
1. Schaffung großer Industriekomplexe, die nicht nur aufgrund ihres Umfangs, sondern durch die Art ihrer Geschäftsführung in der Lage sind, den Kampf mit den amerikanischen Riesen aufzunehmen.
2. Auswahl der >großen Vorhaben< in den Schlüsseltechniken, die Europa auf den wichtigsten Gebieten eine autonome Zukunft sichern.
3. Ein Minimum an Föderalismus als Motor und Garant für die gemeinschaftlichen Unternehmungen.
4. Umgestaltung der Assoziationsmethoden, der Zusammenarbeit zwischen Industrieunternehmen, Universität und Staat.
5. Intensive und umfassende Erziehung der Jugend, ständige Weiterbildung der Erwachsenen
6. Schließich, und davon hängt alles übrige ab, Befreiung der in veralteten Strukturen gefesselten Energien durch einen grundlegenden Wandel, der die Erneuerung der Eliten und der sozialen Beziehungen nach sich ziehen muß. …

Wenn die Europäer ihr Wachstum, das heißt ihr Schicksal, mittels einer eigenständigen Politik selbst bestimmen wollen, müssen sie zuallererst einen geographischen und menschlichen Raum schaffen, der groß genug ist, damit die wirtschaftliche Expansion sich darin kraftvoll entfalten kann und der Pro-Kopf-Verbrauch, die Infrastrukturinvestitionen sowie die Aufwendungen für den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt entsprechend gesteigert werden können.
Sodann muß die Verwendung der Mittel aus dem Volkseinkommen in den zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossenen Ländern nach dem gleichen Prinzipien erfolgen: Wir können uns nicht mit einem Markt begnügen, wir müssen eine Wirtschaftspolitik betreiben. In Zukunft ist eine Planung auf innerstaatlicher Ebene nicht mehr möglich, es sei denn, man zöge sich vom Gemeinsamen Markt zurück, was gleichbedeutend wäre mit einem rapiden Rückgang des Lebensstandards. ..

Wir stehen also mit dem Rücken zur Wand: Die Rückkehr zum Nationalstaat ist in der Expansion nicht mehr möglich; entweder wir entwickeln eine europäische Industriepolitik, oder die amerikanische Industrie wird weiterhin die Zukunft des Gemeinsamen Marktes bestimmen. Dieser erste Punkt steht bereits eindeutig fest. Er ist nicht ohne Folgen für die Gegenreaktion.

Weitere Informationen:

Hatte Spengler doch recht?

Gerhard Stoltenberg über Servan-Schreiber: „Die amerikanische Herausforderung“

Die Amerikanische Herausforderung

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