Deutschland erlebt keine Konjunkturdelle und keine gewöhnliche Strukturkrise. Was sich vor unseren Augen vollzieht, ist eine epochale Transformation, wie sie zuletzt die Industrialisierung im 19. Jahrhundert darstellte – nur diesmal in Zeitraffer. Die Energiewende wirkt dabei als Brandbeschleuniger einer Entwicklung, die das Betriebssystem der deutschen Wirtschaft obsolet macht.


Die falsche Diagnose

Die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland kreist um Konjunkturpakete, Bürokratieabbau, Energiepreise, Fachkräftemangel. All diese Kategorien setzen voraus, dass die Grundstruktur funktioniert und nur justiert werden muss. Ein bisschen weniger Regulierung hier, ein bisschen mehr Subvention dort, und die Maschine läuft wieder.

Diese Diagnose verkennt den Ernst der Lage fundamental. Wir haben es nicht mit einer zyklischen Schwäche zu tun, die sich mit geldpolitischen Instrumenten behandeln ließe. Auch nicht mit einer sektoralen Strukturkrise, wie sie die Montanindustrie in den 1970er Jahren oder die Textilindustrie in den 1980ern durchlief. Was sich vollzieht, ist eine Transformation, die nur alle hundert oder hundertfünfzig Jahre vorkommt – vergleichbar mit dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

Der entscheidende Unterschied: Die erste industrielle Revolution erstreckte sich über drei Generationen. Die gegenwärtige Transformation wird in einer Generation durchlaufen. Das ist zu schnell für institutionelle Anpassung, zu schnell für Umschulung, zu schnell für politische Verarbeitung.

Die Auflösung des Geschäftsmodells

Das deutsche Wirtschaftsmodell der Nachkriegszeit basierte auf einem kohärenten Satz von Annahmen, die sich gegenseitig verstärkten: Ingenieurswissen als knappes Gut, das sich in überlegener Produktqualität materialisiert. Inkrementelle Verbesserung komplexer physischer Systeme als Kernkompetenz. Das duale Ausbildungssystem als Quelle hochqualifizierter Facharbeiter, die diese Komplexität beherrschen. Langfristige Lieferbeziehungen und Vertrauen als institutionelles Kapital. Der Export von Investitionsgütern in eine Welt, die sich industrialisieren will und dafür deutsche Maschinen braucht.

Jedes einzelne dieser Elemente wird gegenwärtig angegriffen – nicht nacheinander, sondern gleichzeitig.

Ingenieurswissen wird durch künstliche Intelligenz zur Massenware. Was gestern implizites Erfahrungswissen war, das Jahrzehnte brauchte, um aufgebaut zu werden, ist morgen ein trainiertes Modell. Die inkrementelle Verbesserung physischer Systeme verliert an Bedeutung, wenn der Wert durch Software definiert wird. Ein Auto ist heute ein Computer auf Rädern; wer die beste Software hat, gewinnt – nicht wer die präziseste Spaltmaße vorweisen kann.

„Good enough“ aus China reicht für die meisten Anwendungen. Clayton Christensens Theorie der disruptiven Innovation beschreibt präzise, was geschieht: Anbieter, die im unteren Marktsegment mit ausreichender Qualität zu niedrigen Kosten starten, werden von etablierten Anbietern ignoriert oder belächelt – bis sie sich hochgearbeitet haben und die Premiumanbieter verdrängen. Die Mini-Mills im Stahlsektor, die mit Elektrolichtbogenöfen zunächst nur minderwertigen Betonstahl produzierten, sind das klassische Beispiel. Chinesische Elektroautos, chinesische Fertighäuser, chinesische Werkzeugmaschinen folgen demselben Muster.

Die Welt braucht keine deutschen Maschinen mehr, um zu industrialisieren. Sie kauft Roboter von Midea, druckt Teile additiv, automatisiert mit Software. Das deutsche Exportmodell verliert seine Abnehmer.

Die Baubranche als Mikrokosmos

Die deutsche Baubranche illustriert das Grundproblem im Kleinen. Überbordende Vorschriften und fragmentierte Strukturen – sechzehn Landesbauordnungen, tausende DIN-Normen, dutzende Genehmigungsbehörden – treiben die Kosten in die Höhe und verlängern die Bauzeiten ins Absurde. Die Bürokratie kostet die deutsche Wirtschaft jährlich bis zu 146 Milliarden Euro an entgangener Wertschöpfung, etwa drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Das System funktionierte, solange alle Wettbewerber denselben Restriktionen unterlagen. Es funktioniert nicht mehr, wenn chinesische Anbieter mit industrieller Vorfertigung, digitaler Planung und radikal vereinfachten Prozessen auf den Markt drängen. Die Einstiegshürden des traditionellen Handwerks – Meisterpflicht, Kammerzwang, Ausbildungsvorschriften – die einst Qualität sichern sollten, werden zu Barrieren, die den Strukturwandel verhindern.

Protektionistische Maßnahmen verzögern diese Entwicklung, ohne sie aufzuhalten. Sie verschaffen Zeit, die nicht genutzt wird.

Die Energiewende als Brandbeschleuniger

In dieses Szenario fällt die Energiewende nicht als separates Problem, das unglücklich mit der Strukturkrise zusammentrifft. Sie ist Teil desselben Komplexes und verstärkt ihn exponentiell.
Das deutsche Modell war energieintensiv by design. Chemie, Stahl, Aluminium, Glas, Papier, Zement – Branchen, die günstige Energie voraussetzten. Das russische Gas war kein Betriebsunfall, sondern konstitutiv für das Geschäftsmodell. Die Energiewende versprach, diese Abhängigkeit durch erneuerbare Energie zu ersetzen. Sie produzierte das Gegenteil: die teuersten Industriestrompreise Europas bei gleichzeitig fragiler Versorgungssicherheit.

Die energieintensive Industrie hätte vielleicht noch eine Generation Zeit gehabt, sich anzupassen – durch Automatisierung, Spezialisierung auf Hochwertsegmente, schrittweise Transformation. Die Energiewende nimmt ihr diese Zeit. BASF verlagert Produktion nach China und Louisiana nicht primär wegen künstlicher Intelligenz oder chinesischer Konkurrenz, sondern weil die Stromrechnung die Marge auffrisst. Die Deindustrialisierung, die sonst schleichend verlaufen wäre, wird zum Absturz.

Die doppelte Falle besteht darin, dass die Energiewende gleichzeitig politische Aufmerksamkeit und Kapital bindet, das für die eigentliche Transformation fehlt. Deutschland investiert in Windparks und Stromtrassen, während die USA in künstliche Intelligenz investieren und China in beides.

Die Konsequenz

Was folgt aus dieser Diagnose? Zunächst die Einsicht, dass die üblichen Instrumente nicht greifen. Konjunkturprogramme adressieren das falsche Problem. Bürokratieabbau ist notwendig, aber bei weitem nicht hinreichend. Selbst das 500-Milliarden-Schuldenpaket der neuen Bundesregierung wird wirkungslos verpuffen, wenn es in Strukturen fließt, die keine Zukunft haben.

Die deutsche Wirtschaft braucht keine Optimierung des Bestehenden, sondern einen Umbau der Grundlagen. Das bedeutet nicht, alles Alte über Bord zu werfen – die mittelständische Struktur, das Ausbildungssystem, die Ingenieurskultur haben Wert. Aber sie müssen neu kombiniert werden, für eine Welt, in der Software Wert definiert, in der Energie knapp und teuer ist, in der China nicht mehr Abnehmer, sondern Konkurrent ist.

Ob Deutschland diese Transformation bewältigt, ist offen. Sicher ist nur: Mit den gegenwärtigen Kategorien wird sie nicht einmal verstanden.

Ralf Keuper 


Quellen:

Bürokratiekosten

ifo Institut (November 2024): Bürokratie in Deutschland kostet jährlich 146 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung

Studie im Auftrag der IHK für München und Oberbayern
Beziffert entgangene Wirtschaftsleistung auf 146 Mrd. Euro jährlich (ca. 3% des BIP)
Vergleich mit Schweden als Benchmark für niedriges Bürokratieniveau
https://www.ifo.de/pressemitteilung/2024-11-14/buerokratie-deutschland-kostet-jaehrlich-146-milliarden-euro

IHK München: Bürokratieabbau – Zahlen und Fakten

Detaillierte Aufschlüsselung der Bürokratiekosten nach Bereichen
https://www.ihk-muenchen.de/politik/buerokratieabbau/

Bauindustrie und Sondervermögen

Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB)

Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer: „Bislang ist das Sondervermögen nur eine politische Absichtserklärung“
Kritik an fehlendem Masterplan für 500-Milliarden-Infrastrukturpaket
Planungs- und Genehmigungsverfahren beanspruchen bis zu 85% der Gesamtbauzeit
https://www.bauindustrie.de

Welt – Baubranche und Bürokratiekrise
https://www.welt.de/wirtschaft/article256142536/Baubranche-Trotz-Milliarden-Schuldenpaket-wie-die-Buerokratie-die-Boom-Hoffnung-ausbremst.html
Analyse, wie Bürokratie und Regulierung die Baukonjunktur trotz großer staatlicher Pakete ausbremsen.

Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB): Baukonjunktur 2025/2026

Wolfgang Schubert-Raab: „Das Sondervermögen ist eine große Chance – aber nur, wenn das Geld tatsächlich zusätzlich investiert wird“
Forderung nach Bürokratieabbau als Voraussetzung für Wirksamkeit
https://www.zdb.de/meldungen/baukonjunktur-2025-2026-die-stimmung-in-der-bauwirtschaft-hellt-sich-auf

AB-Forum – Zusatzbeschäftigung für Bürokratie
https://iab-forum.de/die-betriebe-mussten-in-den-letzten-drei-jahren-325-000-arbeitskraefte-zusaetzlich-einstellen-um-die-gewachsenen-buerokratielasten-zu-bewaeltigen/
Untersuchung, dass Unternehmen Hunderttausende zusätzliche Beschäftigte nur zur Bewältigung bürokratischer Anforderungen einstellen mussten

taz (April 2025): Reicht das Sondervermögen, um die deutsche Infrastruktur zu modernisieren?

Analyse der 500-Milliarden-Schulden und strukturellen Hindernisse
Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beziffert Investitionsstau auf 600 Mrd. Euro
https://taz.de/Sondervermoegen/!6080574/

BASF und Chemieindustrie

NZZ (Februar 2023): BASF – Personalabbau, Kritik an Europa und Expansion in China

CEO Martin Brudermüller verweist auf hohe Energiekosten und überbordende Regulierung
4.200 Stellen werden abgebaut
Investition von 10 Mrd. Euro in neues Werk in Zhanjiang, China
https://www.nzz.ch/wirtschaft/basf-kritisiert-standortbedingungen-in-europa-und-expandiert-in-china-ld.1727530

BASF: Neuer Verbundstandort Zhanjiang (Januar 2025)

8,7 Mrd. Euro Investition – größtes Einzelinvestitionsprojekt der Unternehmensgeschichte
Drittgrößter Verbundstandort nach Ludwigshafen und Antwerpen
https://www.basf.com/de/de/media/news-releases/2025/01/basf-opens-new-verbund-site-in-zhanjiang.html

Deutsche Wirtschafts Nachrichten (Mai 2024): Warum BASF nach China verlagert

Ludwigshafen seit Jahren unrentabel
Nettogewinn 2023 nur 3% des Nettogewinns von 2019
https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/709114/warum-basf-china-als-neuen-standort-vorzieht

Industriestrompreise

Statista/Eurostat (April 2025): Strompreise für Industriekunden in der EU 2024

Deutschland mit 20-23 Cent/kWh im oberen Bereich der EU
Finnland, Schweden, Dänemark unter 10 Cent/kWh
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/151260/umfrage/strompreise-fuer-industriekunden-in-europa/

EHA (Juni 2025): Industriestrompreise Europa – Vergleich, Hintergründe, Ausblick

Deutschland ca. 25% über EU-Durchschnitt
Detaillierte Aufschlüsselung der Preiskomponenten
https://www.eha.net/blog/details/industriestrompreise-europa-vergleich-hintergruende-ausblick.html

Prognos: Energiepreise für die Industrie im internationalen Vergleich

USA und China: ca. 8 Cent/kWh – deutlich unter europäischem Niveau
Studie für die vbw
https://www.prognos.com/de/projekt/energiepreise-industrie-internationaler-vergleich

Verivox (2025): Weltweite Strompreise

Deutschland auf Platz 5 der teuersten Länder weltweit (Haushaltsstrom)
https://www.verivox.de/strom/verbraucheratlas/strompreise-weltweit/

Disruptive Innovation / Clayton Christensen

Christensen Institute: Disruptive Innovation Theory

Ursprüngliche Definition und Erklärung der Theorie
Mini-Mills als Musterbeispiel: Nucor gegen Bethlehem Steel und US Steel
Elektrolichtbogenöfen mit 20% Kostenvorteil
https://www.christenseninstitute.org/theory/disruptive-innovation/

Clayton Christensen: Key Concepts

Offizielle Website mit Kernkonzepten
https://claytonchristensen.com/key-concepts/

Harvard Magazine (Juli 2014): Clayton Christensen on Disruptive Innovation

Ausführliches Porträt und Erklärung der Theorie
Stahlindustrie als kanonisches Beispiel
https://www.harvardmagazine.com/2014/06/disruptive-genius

China-Konkurrenz für deutsche Industrie

Institut der deutschen Wirtschaft (IW) / IW-Report Nr. 30 (Juni 2024): Konkurrenzdruck aus China für deutsche Firmen

Repräsentative Unternehmensumfrage unter 900 Firmen
64% der Firmen mit China-Konkurrenz berichten von Marktanteilsverlusten
75% verbuchen niedrigere Gewinne
Chinesische Preise oft 30%+ unter deutschen Preisen
https://www.iwkoeln.de/studien/juergen-matthes-konkurrenzdruck-aus-china-fuer-deutsche-firmen.html

iwd (Juli 2024): Konkurrenzdruck aus China hat für deutsche Unternehmen Folgen

Zusammenfassung der IW-Studie für breiteres Publikum
https://www.iwd.de/artikel/konkurrenzdruck-aus-china-hat-fuer-deutsche-unternehmen-gravierende-folgen-625714/

GTAI (März 2022): Deutsche Unternehmen haben es in China zunehmend schwer

„Made in China 2025″ und „Dual Circulation“ als strategische Programme
https://www.gtai.de/de/trade/china/wirtschaftsumfeld/deutsche-unternehmen-haben-es-in-china-zunehmend-schwer-799828

VDMA: Maschinenbau prüft Neuausrichtung im China-Geschäft

Zunahme der Wettbewerbsfähigkeit lokaler chinesischer Unternehmen
Fast die Hälfte der Maschinenbauer überdenkt China-Strategie
https://www.home-of-steel.de/news/maschinenbau-pruft-neuausrichtung-im-china-geschaft-2761

AHK China: Geschäftsklimaumfrage (Dezember 2025)

Mehr als 50% erwarten, dass Chinesen in 5 Jahren Innovationsführer sind
9% sagen, dies sei bereits der Fall
https://china.ahk.de

taz (November 2025): Der China-Schock 2.0 trifft die deutsche Industrie mit Wucht

Historischer Vergleich mit US-China-Schock nach WTO-Beitritt 2001
Analyse der deutschen Abhängigkeit
https://taz.de/Deutsch-chinesische-Beziehungen/!6129425/

Allgemeine Wirtschaftslage Deutschland

Deutsche Bundesbank (2024): Unternehmensumfrage Q4/2023

7.400 befragte Unternehmen
Belastungsfaktoren: schwache Nachfrage, Abgabenlast, Energiekosten, Fachkräftemangel, Bürokratie
„Ungünstiger Mix aus zeitgleich wirkenden disruptiven Megatrends“

PwC (2025): Die Bauindustrie weiter im Umbruch

85% der Bauunternehmen spüren zunehmenden Kostendruck
82% fehlt Know-how für Digitalisierungspotenziale
https://www.pwc.de/de/real-estate/pwc-studie-bauindustrie-2025.html

Weitere 

Dissertation Uni Göttingen – Auseinandersetzungen um Gewerbereformen
https://ediss.uni-goettingen.de/bitstream/handle/11858/00-1735-0000-0006-B38E-1/mohr.pdf
Historische und institutionelle Analyse des Zunft- und Gewerbesystems und seiner Reformen.