1973 diagnostizierte Daniel Bell den Übergang zur nachindustriellen Gesellschaft: Nicht mehr Kapital und Energie, sondern theoretisches Wissen werde zur entscheidenden Produktivkraft. Deutschland sah er dabei in einer Vorreiterrolle – als „Vorkämpfer“ des neuen Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Technologie.

Fünfzig Jahre später zeigt sich: Deutschland hat diese Transformation auf halbem Wege abgebrochen. Die Industrie nutzte Wissenschaft zur Optimierung, nicht zur Strukturtransformation. Die Forschungsgesellschaften wurden zu dem, was Bell für erstarrte Institutionen beschrieben hatte – routinisiert und wandlungsfeindlich. Die gescheiterten Digitalisierungskonsortien, die PR-Schere zwischen Kommunikation und Substanz, die Innovationsstatistik ohne disruptive Durchbrüche: alles Symptome desselben Strukturproblems.

Eine Relektüre von Bells Klassiker im Licht der aktuellen deutschen Wirtschaftskrise.


Daniel Bell formulierte 1973 eine Diagnose, deren Tragweite erst heute vollständig sichtbar wird. Seine zentrale These: Der Übergang von der industriellen zur nachindustriellen Gesellschaft markiert einen fundamentalen Strukturwandel, in dem nicht mehr Kapital und Energie, sondern theoretisches Wissen und Information zu den entscheidenden Produktionsfaktoren werden.

Bell unterscheidet drei Entwicklungsphasen: Die vorindustrielle Gesellschaft basiert auf natürlicher Kraft und handwerklichem Können, die industrielle auf erzeugter Energie und Kapitalakkumulation, die nachindustrielle auf der systematischen Anwendung theoretischen Wissens. Diese Phasen sind keine bloßen Etiketten, sondern bezeichnen unterschiedliche Logiken der Wertschöpfung und gesellschaftlichen Organisation.

Der entscheidende Punkt liegt in Bells Bestimmung des Wissens als Produktivkraft. Anders als praktisches Erfahrungswissen, das in Handwerksberufen tradiert wird, meint theoretisches Wissen die Fähigkeit zur Abstraktion, zur Modellbildung, zur systematischen Innovation. Bell verweist auf die Chemie als erste „moderne“ Industrie: Wer Makromoleküle manipulieren will, benötigt theoretische Modelle, kein Bastlergeschick.

Bells zweite Kernthese betrifft die institutionellen Voraussetzungen wissenschaftlicher Produktivität. Die Wissenschaft, so Bell, bezieht ihre Innovationskraft aus ihrem „charismatischen“ Charakter – ihrer Fähigkeit, tradierte Formen permanent in Frage zu stellen. Während Kirchen und revolutionäre Parteien im Prozess der Institutionalisierung dogmatisch erstarren, muss die Wissenschaft ihrem Wesen nach revolutionär bleiben. Bell formuliert zugespitzt: „eine selbstkonstituierte Republik sich selbst regierender Menschen“.

Daraus folgt drittens eine veränderte Sozialstruktur. Die nachindustrielle Gesellschaft erfordert eine „technisch-akademische Klasse“, die an die Stelle des angelernten Industriearbeiters tritt. Die Zahl der Techniker und Akademiker wächst, die der Industriearbeiter schrumpft – ein Trend, den Bell als „unumkehrbar“ bezeichnete.

Deutschlands Sonderweg und seine Grenzen

Bell selbst weist Deutschland eine privilegierte Ausgangsposition zu. Als „Vorkämpfer“ des neuen Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Technologie und Ursprungsland der chemischen Industrie dürfe Deutschland „die zentrale Stellung der Wissenschaft als altgewohntes Charakteristikum seiner Wirtschaft betrachten“. Diese Einschätzung verdient heute eine kritische Revision.

Deutschland hat die nachindustrielle Transformation nicht vollzogen, sondern auf halbem Wege abgebrochen. Die deutsche Wirtschaft verharrte in einer Hybridstellung: Sie nutzte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Optimierung industrieller Prozesse, ohne den Schritt zur wissensbasierten Wertschöpfung im Bellschen Sinne zu vollziehen. Das Ergebnis war jene Hochleistungsindustrie, die bis etwa 2015 als deutsches Erfolgsmodell galt – und deren Krise seither unübersehbar ist.

Das deutsche Modell beruhte auf einer spezifischen Form der Wissensverwertung: Ingenieurwissen als optimierte Anwendung bekannter Prinzipien, nicht als Grundlagenforschung. Der deutsche Maschinenbau, die Automobilindustrie, die Elektrotechnik perfektionierten bestehende Technologien bis an die Grenzen des Möglichen. Doch diese Form der inkrementellen Innovation folgt einer anderen Logik als die disruptive Innovation der nachindustriellen Wissensökonomie.

Bell hatte auf die Gefahr hingewiesen: „Die meisten modernen Industrien sind eigentlich noch Industrien des 19. Jahrhunderts. Sie wurden von genialen Bastlern geschaffen, die sich bei ihrer Arbeit nicht um wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten kümmerten.“ Diese Diagnose trifft den Kern des deutschen Problems. Der Verbrennungsmotor, die Werkzeugmaschine, selbst die Industrierobotik – sie alle optimieren Prinzipien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Die Komplexitätsfalle der deutschen Industrie

Die aktuelle Krise der deutschen Wirtschaft lässt sich als Scheitern an der Bellschen Transformation verstehen. Der Übergang zur nachindustriellen Gesellschaft erfordert nicht Prozessoptimierung, sondern Strukturtransformation – nicht bessere Produkte, sondern andere Geschäftsmodelle.

Die deutsche Industrie hat diese Differenz systematisch unterschätzt. Die Digitalisierung wurde als Werkzeug begriffen, nicht als neue Produktionsweise. Industrie 4.0 sollte die bestehende Fertigung effizienter machen, nicht die Logik industrieller Wertschöpfung überwinden. Das Ergebnis sind hochkomplexe Systeme, deren Komplexität keinen proportionalen Mehrwert erzeugt.

Bell hatte die „technisch-akademische Klasse“ als Trägerin der nachindustriellen Gesellschaft identifiziert. In Deutschland ist diese Klasse entstanden, aber in den Dienst der industriellen Logik gestellt worden. Deutsche Ingenieure optimieren bestehende Systeme, statt neue zu schaffen. Die Hochschulen liefern Fachkräfte für die Industrie, keine Gründer für die Wissensökonomie. Die Wissenschaft produziert Patente, aber selten Unternehmen.

Die Konsequenz zeigt sich in der Innovationsstatistik: Deutschland meldet viele Patente an, bringt aber wenige disruptive Innovationen hervor. Die Forschungsausgaben steigen, aber der technologische Vorsprung schrumpft. Die Zahl der Akademiker wächst, aber die Produktivität stagniert. Die quantitativen Indikatoren der nachindustriellen Gesellschaft sind erfüllt, die qualitative Transformation ist ausgeblieben.

Die deutsche Forschungslandschaft: Institutionalisierte Transformationsresistenz

Bell hatte auf die institutionellen Voraussetzungen wissenschaftlicher Produktivität hingewiesen: Die Wissenschaft müsse revolutionär bleiben, um innovativ zu sein. Sie müsse eine „selbstkonstituierte Republik sich selbst regierender Menschen“ sein. Diese Bedingung ist in Deutschland nicht nur nicht erfüllt – sie ist systematisch konterkariert worden.

Die deutschen Forschungsgesellschaften – Fraunhofer, Helmholtz, Leibniz – verkörpern das genaue Gegenteil von Bells charismatischer Wissenschaft. Sie sind zu dem geworden, was Bell für Kirchen und revolutionäre Parteien diagnostizierte: im Prozess der Institutionalisierung dogmatisch erstarrt, „routinisiert“ und „wandlungsfeindlich“.

Das zeigt sich im sogenannten Transfer-Paradox: Deutschland investiert Milliarden in Spitzenforschung, doch die Brücke zur praktischen Anwendung bricht regelmäßig zusammen. Die Fraunhofer-Gesellschaft, eigentlich für anwendungsorientierte Forschung konzipiert, erstickt Deep-Tech-Startups durch restriktive Ausgründungsbedingungen, bevor sie entstehen können. Während MIT und Stanford als „Gründungsmaschinen“ fungieren, scheitern deutsche Institute bereits an wettbewerbsfähigen Lizenzierungsmodellen.

Das eigentliche Problem liegt in den Anreizstrukturen. Forscher und Institutsleiter werden nach Publikationen und Drittmitteleinwerbung bewertet, nicht nach realem Innovationsoutput oder gesellschaftlicher Wirkung. Rankings und Evaluierungen messen die falschen Parameter: Sie belohnen publikationsfähige Forschung statt echter Problemlösung. Das Ergebnis sind selbstreferentielle akademische Zirkel – exakt das, was Bell als Degeneration der wissenschaftlichen „charismatischen Gemeinschaft“ beschrieben hätte.

Die Transformationsresistenz ist dabei kein Zufall, sondern systemlogisch: Solange die staatliche Grundfinanzierung gesichert ist und keine existentiellen Konsequenzen drohen, gibt es keinen Anreiz zur grundlegenden Veränderung. Die gewachsenen Strukturen haben ihre eigene Trägheit entwickelt, die durch wohlklingende Jahresberichte und akademische Selbstdarstellung kaschiert wird. Bell hatte genau davor gewarnt: Sobald die Wissenschaft in den „Dienst eines Staates oder eines Unternehmens“ gestellt wird, ohne dass ihr „Herz“ revolutionär bleibt, „zerstört sich die Wissenschaft als Unternehmen selbst“.

Die deutschen Forschungsgesellschaften sind in ihrer aktuellen Form mehr Problem als Lösung geworden. Sie binden Ressourcen, die anderswo produktiver eingesetzt werden könnten, und blockieren durch ihre schiere Größe und politische Vernetzung echte Innovationen. Die Institute sprechen mehr über Input – Budgets, Personal, Publikationen – als über Output in Form konkreter Innovationen oder gelöster gesellschaftlicher Probleme.

Bildung für die falsche Gesellschaft

Hinzu kommt ein Bildungssystem, das auf die industrielle, nicht die nachindustrielle Gesellschaft ausgerichtet bleibt. Bell hatte die Entstehung einer „technisch-akademischen Klasse“ als Kennzeichen der nachindustriellen Gesellschaft identifiziert, die „die Führung der Gesellschaft übernimmt“. In Deutschland ist diese Klasse entstanden, aber sie wurde für das falsche Paradigma ausgebildet.

Die duale Ausbildung produziert exzellente Facharbeiter, aber keine Wissensarbeiter im Bellschen Sinne. Die Universitäten bilden Spezialisten aus, keine Generalisten mit der Fähigkeit zur theoretischen Abstraktion. Das Ergebnis ist eine hochqualifizierte Arbeitskraft, deren Qualifikationen im falschen Paradigma verortet sind – optimiert für die Verbesserung bestehender Systeme, nicht für deren Transformation.

Die PR-Schere als Symptom

Die wachsende Diskrepanz zwischen Unternehmenskommunikation und operativer Realität – die „PR-Schere“ – lässt sich als Symptom des gescheiterten Übergangs lesen. Deutsche Unternehmen kompensieren ausbleibende Innovation durch elaborierte Selbstdarstellung. Die Pressemitteilungen werden eloquenter, während die Substanz schwindet.

Bell hatte die nachindustrielle Gesellschaft als Wissensgesellschaft charakterisiert. Die deutsche Variante ist eine Kommunikationsgesellschaft geworden – eine Gesellschaft, die über Transformation spricht, statt sie zu vollziehen. Die Sprache der Innovation hat die Innovation selbst ersetzt.

Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern strukturell bedingt. Wo die materielle Basis der Wertschöpfung erodiert, wächst der Bedarf an symbolischer Kompensation. Die Hochglanzbroschüren der deutschen Industrie dokumentieren nicht Erfolge, sondern deren Ausbleiben.

Perspektiven

Bell formulierte keine Prognosen, sondern analysierte Strukturen. Die Übertragung seiner Analyse auf die deutsche Gegenwart legt nahe, dass die Krise der deutschen Wirtschaft keine konjunkturelle Schwäche ist, sondern ein Strukturproblem – das Ergebnis einer verfehlten Transformation.

Die Korrektur erfordert mehr als Investitionsprogramme oder Bildungsoffensiven. Sie erfordert einen Paradigmenwechsel: den Übergang von der industriellen zur nachindustriellen Logik, von der Optimierung zur Transformation, von der Verwaltung zur Revolution.

Bell hatte auf die Voraussetzungen hingewiesen: eine Wissenschaft, die revolutionär bleibt; eine Bildung, die auf theoretisches Wissen zielt; eine Gesellschaft, die Unsicherheit produktiv wendet. Deutschland hat diese Voraussetzungen nicht geschaffen, sondern die industrielle Logik ins nachindustrielle Zeitalter verlängert.

Die Frage ist, ob die Korrektur noch möglich ist – oder ob die institutionellen Verhärtungen bereits zu weit fortgeschritten sind. Bell hatte auch darauf eine Antwort: Gesellschaften, die den Übergang verfehlen, werden von anderen überholt. Die nachindustrielle Gesellschaft kommt – mit oder ohne Deutschland.

Ralf Keuper 


Quellen:

„Die nachindustrielle Gesellschaft “ von Daniel Bell

Die deutsche Forschungslandschaft: Problem statt Lösung