Bayern meldet für das erste Halbjahr einen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen um 8,1 Prozent – den höchsten Stand seit der zweiten Jahreshälfte 2015. Schwaben liegt mit einem Plus von 1,4 Prozent deutlich darunter, während Mittelfranken um 46,4 Prozent zulegt und Unterfranken sogar einen Rückgang von über neun Prozent verzeichnet. Die IHK Schwaben liest die eigene Zahl als Beleg für Krisenresistenz: ein breiter Branchenmix federe Schwächephasen einzelner Sektoren ab, und der hohe Anteil mittelständischer und familiengeführter Betriebe trage zusätzlich zur Stabilität bei, weil diese „häufig langfristig denken“ und Krisen „aus eigener Kraft“ überbrücken.
Beide Bausteine dieser Erklärung verdienen einen zweiten Blick – nicht weil sie falsch sein müssen, sondern weil die Datenlage, aus der sie stammen, selbst zur Vorsicht mahnt. Schon der Bezirksvergleich selbst ist unvollständig: Er nennt nur drei der sieben bayerischen Regierungsbezirke und lässt Ober- und Niederbayern ganz aus. Hinzu kommt ein Punkt, den die Erklärung selbst nicht anspricht – die hohe Abhängigkeit der Region von genau den beiden Branchen, die strukturell am stärksten unter Druck stehen, Automobilzulieferung und Werkzeugmaschinenbau, mit bereits mehreren Insolvenzfällen in und um Augsburg. Und schließlich ist fraglich, ob „Krise“ – ein Wort, das eine vorübergehende Belastung suggeriert – für diesen Druck überhaupt die richtige Kategorie ist.
Drei von sieben Bezirken
Der Ausgangstext vergleicht Schwaben nur mit den beiden Extremen der bayerischen Verteilung – Mittelfranken (+46,4 Prozent) und Unterfranken (-9,3 Prozent). Bayern hat aber sieben Regierungsbezirke, und die übrigen vier fehlen im Text vollständig. Eine Auswertung derselben Landesamt-Daten für denselben Zeitraum zeigt: Niederbayern +20,2 Prozent, Oberbayern +3,6 Prozent, Oberfranken -7,4 Prozent, Oberpfalz -3,1 Prozent. Das verändert die Erzählung an zwei Stellen.
Erstens ist Niederbayern selbst eine Region mit ausgeprägter Mittelstands- und Familienunternehmensstruktur und erheblicher Automobilzuliefererdichte (u. a. im Umfeld der BMW-Werke Dingolfing/Landshut). Sollte die Familienunternehmer-These regional greifen, müsste sich das dort ähnlich zeigen wie in Schwaben. Tatsächlich liegt der Bezirk mit +20,2 Prozent deutlich näher an Mittelfranken als an Schwaben – ein erster Hinweis darauf, dass die Eigentümerstruktur allein den Unterschied nicht erklärt.
Zweitens unterscheidet sich Schwabens Wert (+1,4 Prozent) kaum von dem Oberbayerns (+3,6 Prozent) – der bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich diversifiziertesten bayerischen Region mit München als Zentrum und einer ganz anderen Branchenstruktur als Schwaben. Gemessen an diesem Vergleichswert ist Schwaben nicht auffällig krisenfest, sondern liegt im selben mittleren Band wie die Region, die einer Diversifikationsthese ohnehin am ehesten entsprechen müsste.
Das Statistische Landesamt weist zudem selbst darauf hin, dass einzelne Insolvenzverfahren größerer Firmengruppen mit mehreren Tochtergesellschaften auf Bezirksebene zu erheblichen Ausschlägen führen können. Bei einer Schwankungsbreite von über 55 Prozentpunkten zwischen dem stärksten Anstieg und dem stärksten Rückgang innerhalb eines einzigen Halbjahres ist diese Warnung keine Randnotiz, sondern der eigentliche Befund. Die Auswahl von genau drei der sieben Bezirke im Ausgangstext erhöht den Kontrast der Geschichte, ohne dass diese Auswahl selbst begründet wird.
Ein Klumpenrisiko statt eines Diversifikationsvorteils
Die Diversifikationsthese setzt voraus, dass Schwabens Wirtschaft dort schwach vertreten ist, wo die Krise aktuell zuschlägt – Gastgewerbe und Grundstücks-/Wohnungswesen – und dort stark, wo sie es nicht tut. Das Gegenteil lässt sich mindestens ebenso gut begründen. Bayerisch-Schwaben ist überdurchschnittlich von genau den beiden Branchen abhängig, die strukturell am stärksten unter Druck stehen: Automobilzulieferung (Landkreise Augsburg, Günzburg, Neu-Ulm) und Werkzeugmaschinenbau/Präzisionstechnik mit Augsburg selbst als Robotik- und Maschinenbaustandort. Die bayernweite Jahresstatistik 2025 bestätigt, dass auch das verarbeitende Gewerbe deutlich zulegte (+22,4 Prozent) – also just jener Sektor, in dem die Region stark vertreten ist und der laut IHK-Vertreter Gouverneur selbst „erheblich unter Druck“ steht. Eine Region, deren industrieller Kern in zwei schrumpfenden Clustern konzentriert ist statt über viele unabhängig schwankende Branchen verteilt, trägt kein Diversifikations-, sondern ein Konzentrationsrisiko.
Dass dieses Risiko nicht abstrakt ist, zeigen Fälle aus der Region selbst. Der Augsburger Robotik- und Maschinenbaukonzern Kuka baute 2025 rund 560 Stellen am Stammsitz ab – Folge der anhaltenden Investitionszurückhaltung in der Automobilindustrie, seinem wichtigsten Abnehmermarkt. Bei Automobilzulieferern der Region gab es bereits mehrfach Insolvenzverfahren: 2022 bei der Borscheid und Wenig GmbH in Diedorf (Landkreis Augsburg), die 2023 nur durch eine Investorenlösung fortgeführt werden konnte, sowie – länger zurückliegend, aber demselben Cluster zuzurechnen – bei der Augsburger WAFA Kunststofftechnik GmbH. Bundesweit lag die Zahl der Geschäftsaufgaben in der Automobilindustrie 2025 bei 360 – ein Plus von 57 Prozent gegenüber dem Vorjahr, deutlich über der Wachstumsrate der Gesamtinsolvenzen. Für eine Region mit hoher Zuliefererdichte ist das keine neutrale Hintergrundzahl, sondern eine direkte Risikoexposition, die die Diversifikationserzählung eher schwächt als stützt.
Die Zahl, die nicht mitzählt
Insolvenzstatistiken erfassen zudem nur einen Ausschnitt des tatsächlichen Unternehmenssterbens. Laut einer Creditreform-Auswertung waren 2025 nur 13,4 Prozent der rund 4.102 Betriebsschließungen in Bayerisch-Schwaben tatsächlich Insolvenzen – der Rest waren Geschäftsaufgaben bonitätsmäßig eigentlich gesunder Firmen, in gut einem Viertel der bundesweiten Fälle mangels Nachfolger. Innerhalb Bayerisch-Schwabens zeigen ausgerechnet die Kreise mit besonders hoher Schließungsrate und -zunahme (Memmingen +31,4 Prozent, Kempten +30,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr) eine Dynamik, die in der reinen Insolvenzstatistik gar nicht sichtbar wird. Eine ruhige Insolvenzquote auf Bezirksebene sagt damit wenig darüber, wie viele Betriebe tatsächlich aus dem Markt verschwinden – sie zeigt nur, auf welchem Weg sie es tun. Für die Familienunternehmer-These ist das doppelt relevant: Der mit Abstand häufigste Schließungsgrund außerhalb der Insolvenz – ungeklärte Nachfolge – betrifft in besonderem Maße familiengeführte Betriebe. Dieselbe Eigentümerstruktur, die über Eigenkapital und Nachschusskapazität Insolvenzen verzögern kann, produziert an anderer Stelle einen eigenen, in der Insolvenzstatistik unsichtbaren Exit-Kanal.
Von der Mentalität zur Kapitalstruktur
Der zweite Erklärungsstrang – Familienunternehmen dächten langfristiger und überbrückten Krisen „aus eigener Kraft“ – ist in dieser Form kaum falsifizierbar: Er beschreibt eine Haltung, keinen messbaren Mechanismus. Ein strukturelles Substrat dieser Beobachtung lässt sich dagegen benennen. Eine Untersuchung des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn im Auftrag von BDI und Deutscher Bank (4.387 Familienunternehmen mit über 50 Millionen Euro Umsatz, Erhebungszeitraum 2007–2010) fand eine im Vergleich zu managergeführten Unternehmen deutlich höhere Eigenkapitalquote, die selbst während der Finanzkrise 2008/09 von 30,1 auf 33,5 Prozent stieg statt zu sinken. Hinzu kommt ein rechtlich fassbarer Hebel, der eigentümergeführten Betrieben offensteht, breit gestreuten Kapitalgesellschaften dagegen strukturell nicht: die Nachschusskapazität der Eigentümerfamilie selbst, etwa über Gesellschafterdarlehen, die im Insolvenzfall nach § 39 InsO ohnehin nachrangig sind und damit für den Eigentümer ein vergleichsweise geringes zusätzliches Risiko darstellen. „Aus eigener Kraft überbrücken“ heißt in dieser Lesart: Eigentümer mit konzentriertem Vermögen und Entscheidungsmacht können private Liquidität nachschießen, ohne eine externe Aktionärsbasis oder Quartalslogik überzeugen zu müssen. Das ist eine Finanzierungsstruktur-Frage, keine Charakterfrage.
Eine Krise, die keine ist
Sowohl der Ausgangstext als auch der IHK-Vertreter sprechen durchgehend von „Krise“ – einem Wort, das einen bestimmten Zeithorizont mitliefert: eine Phase erhöhter Belastung, die nach ein bis drei Jahren wieder abklingt, wie es Konjunkturzyklen in der Vergangenheit meist getan haben. Für Teile des Gastgewerbes oder der Bauwirtschaft mag das zutreffen. Für den Automobilzulieferer- und Werkzeugmaschinenbau-Cluster, von dem Schwaben überdurchschnittlich abhängt, spricht wenig dafür. Der Antriebswechsel zur Elektromobilität verschiebt die technologische Kontrolle strukturell in Richtung Batteriezelle und damit zu asiatischen, vor allem chinesischen Herstellern; die Absatzschwäche im Werkzeugmaschinenbau hängt an derselben Verschiebung sowie an wachsender chinesischer Konkurrenz auf der Ausrüsterseite selbst. Beides sind keine Nachfrageausschläge, die mit dem nächsten Aufschwung von selbst verschwinden, sondern Verschiebungen der Frage, wer die entscheidenden Komponenten und Standards kontrolliert – ein Zustand, der sich nicht zurückdreht, sobald sich die Konjunktur wieder belebt.
Der Unterschied ist für die vorangegangene Argumentation folgenreich. Eine hohe Eigenkapitalquote und die Nachschusskapazität der Eigentümerfamilie sind eine sinnvolle Strategie gegen eine Krise im engeren Sinne: Sie überbrücken eine Talsohle, bis die Nachfrage zurückkehrt. Gegen einen Strukturwandel ist dieselbe Strategie nur so lange sinnvoll, wie die gewonnene Zeit auch für eine Anpassung des Geschäftsmodells genutzt wird. Wird sie stattdessen genutzt, um auf eine Rückkehr des alten Zustands zu warten, verzögert sie nicht die Krise, sondern nur ihre öffentliche Wahrnehmung.
Warum das nicht reicht
Diese Erklärung hat eigene Grenzen, die sie vor Überdehnung schützen sollten. Die Eigenkapitalstudie stammt aus einer Stichprobe größerer Familienunternehmen (>50 Mio. Euro Umsatz) in einer zyklischen Finanzkrise – ob sie sich auf den kleinteiligeren schwäbischen Mittelstand und auf einen strukturellen, nicht-zyklischen Wandel übertragen lässt, ist offen und aus den oben genannten Gründen eher zu bezweifeln. Die konkreten Fälle aus Augsburg und Umgebung sowie der bundesweite Anstieg der Automobil-Geschäftsaufgaben zeigen zudem, dass der Ernstfall in genau dem Cluster, von dem Schwaben wirtschaftlich abhängt, bereits eingetreten ist – nicht als Ausnahme, sondern als Muster. Und schließlich: Die IHK ist selbst Interessenvertretung ihrer Mitgliedsunternehmen – eine Aussage, die die eigene Region als überdurchschnittlich krisenfest darstellt, ist keine neutrale Diagnose, sondern auch ein Signal an genau diese Mitglieder und die regionale Öffentlichkeit.
Der Befund bleibt damit mehrfach vorläufig, und in der Gesamtschau eher skeptisch als bestätigend: Die Kapitalstrukturthese ist plausibler als die Mentalitätserzählung, weil sie einen prüfbaren Mechanismus benennt statt einer Zuschreibung – aber sie erklärt bestenfalls eine Verzögerung, keine Abwendung, und diese Verzögerung hilft nur, wenn sie zur Anpassung genutzt wird. Die Branchenmix-These steht der tatsächlichen Wirtschaftsstruktur der Region eher entgegen als sie zu stützen. Der Bezirksvergleich selbst ist unvollständig ausgewählt und bewegt sich innerhalb einer Schwankungsbreite, die ihn als Strukturbeleg entwertet. Und die ruhige Insolvenzzahl blendet einen erheblichen Teil des tatsächlichen Unternehmenssterbens aus. Für die Diagnose „Krisenresistenz“ liegt damit weniger Evidenz vor, als die Häufigkeit ihrer öffentlichen Wiederholung nahelegt – und das Wort „Krise“ selbst ist möglicherweise bereits die falsche Kategorie.
Ralf Keuper
Quellen:
- Warum Schwabens Betriebe die Krise besser überstehen als viele andere
- Bayerisches Landesamt für Statistik – Pressemitteilung 2026/066: Insolvenzgeschehen in Bayern 2025
- Institut für Mittelstandsforschung Bonn / BDI / Deutsche Bank – Studie zur Eigenkapitalquote von Familienunternehmen (via innovations-report.de)
- Kapitalmarkt.blog – Warum Familienunternehmen besser durch Krisen kommen (WIFU-Bezug)
- § 39 InsO – Nachrangige Insolvenzgläubiger (Gesellschafterdarlehen)
- b4b Schwaben – Unternehmensschließungen 2025: Rekordhoch auch in Bayerisch-Schwaben (Creditreform-Daten)
- b4b Schwaben – Kuka baut in Augsburg 560 Arbeitsplätze ab
- Dr. Beck & Partner – Presseübersicht Insolvenzfälle Automotive (Borscheid und Wenig GmbH, WAFA Kunststofftechnik GmbH)
