Trumps „America First“-Politik macht Europas infrastrukturelle Erpressbarkeit sichtbar, doch die Reaktion bleibt strukturkonservativ: Mehr Konsortien, mehr Strategiepapiere, mehr Selbsttäuschung. Das eigentliche Problem ist nicht der Zugang zum Code, sondern die systematische Unfähigkeit zur Kommerzialisierung – eine organisationsstrukturelle Blockade, die tiefer reicht als jede Technologiepolitik.


Die europäische Debatte über digitale Souveränität erlebt durch Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus eine ungewollte Zuspitzung. Bundeskanzler Merz und Präsident Macron beschwören europäische Lösungen, die EU-Kommission startet Konsultationen für eine neue Open-Source-Strategie, Projekte wie openDesk versprechen Befreiung von Microsoft-Abhängigkeit. Der Tenor ist einheitlich: Freier Code sei der Schlüssel zur Unabhängigkeit von US-Tech-Giganten. Was dabei übersehen wird, ist fundamental: Die Verwechslung von Codezugang mit Ökosystemkontrolle.

Diese Verwechslung ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer tiefer liegenden Unfähigkeit europäischer Institutionen, die Systemlogik von Plattform-Ökonomien zu verarbeiten. Niklas Luhmanns Konzept der operativen Geschlossenheit erklärt das Phänomen: Soziale Systeme können Information nur in ihren eigenen Codes verarbeiten. Bürokratie liest „digitale Souveränität“ als Compliance-Prozess, Politik als Subventionsprogramm, Verwaltung als Beschaffungsrichtlinie. Was systematisch ausgeblendet wird, ist die selbstverstärkende Logik, die Silicon-Valley-Dominanz erst ermöglicht hat – und die mit europäischer Konsenspolitik strukturell inkompatibel ist.

Die Arithmetik der Illusion

Die Zahlen scheinen zunächst für die Open-Source-Strategie zu sprechen: 70 bis 90 Prozent aller Software basiert heute auf Open Source. Linux läuft auf den meisten Servern weltweit, Kubernetes orchestriert Cloud-Infrastrukturen, React bestimmt Frontend-Entwicklung. Doch diese Statistik verschleiert das Entscheidende: Wer Open Source kommerzialisiert, kontrolliert das Ökosystem – nicht wer den Code schreibt.

Linux wurde von einem finnischen Studenten entwickelt und wird von einer globalen Community gepflegt. Monetarisiert wird es von Red Hat (heute IBM), Amazon Web Services und Google. Kubernetes begann als Google-Projekt, ist heute Cloud-Standard – aber AWS dominiert die kommerzielle Implementierung mit über 30 Prozent Marktanteil. OpenStack, einst europäische Hoffnung für Cloud-Souveränität, scheiterte gegen AWS und Azure, obwohl der Code frei verfügbar war und bleibt.

Das Muster ist konsistent: Europa produziert Code-Beiträge, aber keine institutionelle Anschlussfähigkeit für Skalierung. Die Fähigkeit, aus Open Source profitable Plattformen mit Netzwerkeffekten zu entwickeln, ist keine technische, sondern eine organisationsstrukturelle Kompetenz – und hier offenbart sich Europas Systemdefizit.

Zwei Logiken, ein Kontinent zu spät

Der Unterschied zwischen Silicon Valley und europäischer Digitalpolitik lässt sich nicht auf Risikokapital oder Unternehmenskultur reduzieren. Es sind zwei fundamentale Systemlogiken, die aufeinanderprallen:

  • Das Silicon-Valley-Modell folgt einer radikal fokussierten Sequenz: Risikokapital ermöglicht schnelles Skalieren, schnelles Skalieren erzeugt Netzwerkeffekte, Netzwerkeffekte schaffen Marktdominanz, Marktdominanz ermöglicht Kontrolle über Standards. Open Source ist hier kein Selbstzweck, sondern strategisches Instrument zur Ökosystem-Kontrolle. Android verschenkt Google das Betriebssystem, um Mobile-Werbung zu dominieren. Meta öffnet React und PyTorch, um Entwickler an seine Infrastruktur zu binden. Die „Fail fast“-Kultur ist kein Mantra, sondern strukturelle Notwendigkeit: Nur wer schnell scheitert, kann organisch lernen.
  • Das europäische Modell beginnt mit politischer Zielsetzung, führt über Konsortialbildung und Stakeholder-Abstimmung zu Kompromiss-Architekturen – und endet in Irrelevanz. Open Source wird nicht als Wettbewerbsinstrument begriffen, sondern als Symbolpolitik für Souveränität. Die „Fail never“-Kultur ist keine Risikoaversion, sondern systemische Konsequenz: Scheitern delegitimiert Institutionen, also muss Scheitern semantisch umgedeutet werden. Gaia-X ist kein gescheitertes Projekt, sondern eine „Forschungsplattform“. Die EU-Suchmaschine Quaero war kein Milliardengrab, sondern „wichtiger Lernprozess“.

Das Kommerzialisierungs-Vakuum

Was Europa fehlt, ist nicht Information – der Code ist ja verfügbar –, sondern Exformation. Der von Tor Nørretranders ausgearbeitete Begriff beschreibt die Fähigkeit, irrelevante Komplexität zu reduzieren und fokussierte Lösungen zu entwickeln. Europäische Projekte akkumulieren systematisch Komplexität: zusätzliche Stakeholder, erweiterte Governance-Strukturen, verschärfte Compliance-Anforderungen. Silicon Valley reduziert Komplexität radikal auf zwei Parameter: User-Nutzen und Skalierbarkeit.

Dieser Unterschied erklärt, warum Gaia-X mit über 350 Mitgliedern keine funktionierende Cloud-Infrastruktur aufbauen konnte, während AWS aus einer Garage heraus zum dominierenden Anbieter wurde. Es erklärt, warum der European Chips Act mit 43 Milliarden Euro Subventionen keine Intel-Alternative schafft, während TSMC organisch zum unverzichtbaren Monopolisten wurde. Es erklärt, warum openDesk als „europäische Microsoft-Alternative“ konzipiert ist, aber keine Antwort auf die Frage hat, warum Nutzer wechseln sollten.

Die europäische Digitalpolitik leidet unter dem, was Peter Drucker als „Doing the wrong thing righter“ beschrieb: Die kontinuierliche Optimierung eines strukturell verfehlten Ansatzes. Mehr Förderprogramme, detailliertere Strategiepapiere, umfassendere Konsortien – alles richtig gemacht, nur das Falsche.

Trumps unbeabsichtigte Wahrheitskommission

Die „America First“-Rhetorik der Trump-Administration leistet Europa einen ungewollten Dienst: Sie macht sichtbar, was die Digitalisierungsdebatte seit Jahren verdrängt. Infrastrukturelle Erpressbarkeit ist keine hypothetische Zukunftsbedrohung, sondern gegenwärtige Realität. Deutsche Behörden laufen auf Microsoft Azure, französische Ministerien nutzen AWS, europäische KI-Forschung hängt an Nvidia-GPUs und Google Cloud.

Die Vorstellung, die USA könnten diese Abhängigkeiten kurzfristig als Druckmittel einsetzen, ist nicht paranoid, sondern nüchterne Machtanalyse. Der Cloud Act gibt US-Behörden Zugriff auf Daten europäischer Unternehmen, selbst wenn sie auf europäischen Servern liegen. Der Chips Act ermöglicht Export-Kontrollen bei politischen Konflikten. Die FISA-Gesetzgebung erlaubt Überwachung ohne europäische Rechtsgarantien.

Doch die europäische Reaktion bleibt in bekannten Mustern gefangen. Bundeskanzler Merz fordert öffentliche Hand als „Ankerkunde“ für europäische Lösungen – als könnte Nachfragesteuerung Ökosystem-Defizite kompensieren. Die EU-Kommission entwickelt ihre fünfte Open-Source-Strategie in zehn Jahren – als wäre das Problem fehlendes Strategiewissen. Frankreich investiert in „souveräne Cloud“-Initiativen – während AWS gleichzeitig die „European Sovereign Cloud“ anbietet, nominell EU-reguliert, faktisch US-kontrolliert.

Das ist keine Politik der Selbstbestimmung, sondern strukturkonservative Reflexabwehr: Der Versuch, Plattform-Ökonomien mit Industrie-Logik zu bekämpfen. Es ist, als würde man Eisenbahndominanz mit besseren Postkutschen begegnen wollen.

Die Exformations-Lücke als Systemdefizit

Die Unfähigkeit Europas zur digitalen Souveränität ist keine Frage von Ressourcen oder technischer Kompetenz. Europa hat erstklassige Universitäten, hochqualifizierte Ingenieure, substantielles Risikokapital. Was fehlt, ist die institutionelle Fähigkeit zur radikalen Fokussierung.

Vergleichen wir die Entstehungsgeschichte von Google und Quaero, der gescheiterten EU-Suchmaschine. Larry Page und Sergey Brin hatten eine algorithmische Innovation (PageRank), Venture Capital, und die Freiheit, alles andere zu ignorieren. Quaero hatte ein Konsortium aus Thomson, France Télécom und deutschen Forschungsinstituten, 400 Millionen Euro EU-Förderung, und die Verpflichtung, 26 verschiedene Use Cases abzudecken – von Videosuche über Spracherkennung bis zu semantischer Analyse. Google fokussierte auf eine Sache und dominierte. Quaero versuchte alles und scheiterte vollständig.

Dieses Muster wiederholt sich bei jedem europäischen Digitalprojekt. Gaia-X sollte nicht nur Cloud-Infrastruktur sein, sondern auch Daten-Souveränität garantieren, Interoperabilität sicherstellen, ökologische Standards setzen, und europäische Werte digitalisieren. Catena-X sollte nicht nur automotive Lieferketten vernetzen, sondern auch KI-Standards etablieren, Nachhaltigkeitsmetriken integrieren, und SME-Partizipation ermöglichen. Jedes Mal dieselbe Logik: Akkumulation statt Reduktion, Kompromiss statt Fokus, Konsens statt Kontroverse.

Die unbequeme Alternative

Echte digitale Souveränität würde strukturelle Zumutungen bedeuten, zu denen europäische Politik gegenwärtig nicht bereit ist:

  • Erstens: Akzeptanz kreativer Zerstörung. Gaia-X hätte 2022 eingestellt werden müssen, als klar war, dass das Konsortialmodell nicht funktioniert. Stattdessen wurde es in eine „Forschungsplattform“ umgedeutet – semantische Rettung statt strukturelles Lernen. Scheitern muss delegitimierend wirken dürfen, sonst gibt es keine Innovationsselektion.
  • Zweitens: Risikokapital statt Subventionen. Europäische „Förderung“ funktioniert als Dauerfinanzierung ohne Exit-Erwartung. Was entsteht, sind staatsabhängige Zombie-Projekte, keine selbsttragenden Unternehmen. Echtes Venture Capital investiert mit der Erwartung, dass 7 von 10 Projekten scheitern – und zieht dann konsequent den Stecker.
  • Drittens: Fokus auf Nischen-Dominanz statt universeller Konkurrenz. Europa braucht kein „europäisches Google“ oder „europäisches AWS“, sondern 10 bis 15 globale Nischen-Champions in Bereichen wie Industrial IoT, Medizintechnik-Plattformen oder Cleantech-Software. Dominanz in Nischen schafft Verhandlungsmacht, universelle Konkurrenz führt zur Bedeutungslosigkeit.
  • Viertens: Regulatorische Asymmetrie. Die USA schützen ihre Tech-Champions faktisch vor EU-Regulation durch politischen Druck und jurisdiktionelle Tricks. Europa müsste umgekehrt europäische Startups von EU-Bürokratie ausnehmen – ein politisch toxischer Vorschlag, der aber ökonomisch zwingend ist.

Doch diese Forderungen sprengen die Selbstreferenz der europäischen Politik-Ökonomie: Subventionen rechtfertigen Institutionen, Institutionen fordern Subventionen, Konsortien legitimieren Governance, Governance erfordert Konsortien. Das System reproduziert sich selbst – und ist genau deshalb unfähig zu strukturellem Wandel.

Der Code als Chiffre

Die neue EU-Open-Source-Strategie ist nicht Lösung des Problems, sondern dessen Symptom. Sie übersetzt das strukturelle Defizit – Unfähigkeit zur Ökosystem-Kontrolle – in eine technische Kategorie: Zugang zum Code. Das erlaubt symbolische Politik ohne operative Konsequenz. Man kann Strategiepapiere verfassen, Förderprogramme auflegen, Konsortien gründen – ohne jemals die unbequeme Frage beantworten zu müssen: Warum kann Europa Open Source nicht kommerzialisieren?

Die Antwort liegt nicht in mangelndem Code, sondern in organisationsstruktureller „learning resistance“ – Luhmanns Begriff für die Unfähigkeit von Systemen, Irritationen in strukturelle Veränderung zu übersetzen. Jedes Scheitern wird absorbiert, umgedeutet, in neue Initiativen überführt. Gaia-X scheitert, also wird IPCEI-CIS entwickelt. IPCEI-CIS stagniert, also kommt die Open-Source-Strategie. Die Strategie wird wirkungslos bleiben, also wird 2027 die nächste Initiative starten.

Europa ist in einer autopoietischen Schleife gefangen: Das System produziert kontinuierlich Lösungen für Probleme, die durch frühere Lösungen entstanden sind – und kann diese Rekursion nicht durchbrechen, weil das System selbst auf dieser Rekursion beruht.

Trumps „America First“-Politik ist insofern hilfreich, als sie diese Schleife kurzzeitig sichtbar macht. Sie zwingt zur Anerkennung der Erpressbarkeit. Aber ob diese Anerkennung zu strukturellem Lernen führt – oder nur zur nächsten Iteration derselben Fehler unter neuem Label – das bleibt offen.

Die Open-Source-Illusion ist nicht ein Irrtum, der korrigiert werden kann. Sie ist die notwendige Selbsttäuschung eines Systems, das sich nicht ändern kann – und deshalb behaupten muss, dass Änderung gar nicht nötig sei. Man hat ja freien Zugang zum Code.


Quellen:

Brussels Plots Open Source Push to Pry Europe off Big Tech (The Register, 2026): „Kritische journalistische Einordnung der neuen EU-Initiative. Der Artikel kontextualisiert das Open-Source-Versprechen mit der Realität, dass 70-90% moderner Software bereits Open-Source-Komponenten nutzt – und dennoch amerikanische Tech-Konzerne den Markt dominieren.“ https://www.theregister.com/2026/01/11/eu_open_source_consultation/

Regional Advantage (Buchreferenz): Vergleich von Innovationsökosystemen wie Silicon Valley vs. europäische Ansätze. https://econlittera.bankstil.de/regional-advantage

Ergänzende EU-Strategie-Quellen

EU-Kommission arbeitet an neuer Open-Source-Strategie (netzpolitik.org, 18.01.2026): „Die EU-Kommission möchte Europas digitale Souveränität stärken […] Open Source soll nun stärker als zuvor als industriepolitisches Instrument verstanden werden.“
https://netzpolitik.org/2026/konsultation-eu-kommission-arbeitet-an-neuer-open-source-strategie/

Commission opens call for evidence on Open-Source Digital Ecosystems (EU-Kommission, 11.01.2026): „The forthcoming strategy will complement the forthcoming Cloud and AI Development Act […] The consultation will close on 3 February 2026.“
https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/news/commission-opens-call-evidence-open-source-digital-ecosystems

EU Launches Consultation on Strengthening Open-Source Ecosystems (SecurityDelta, 15.01.2026): „The Commission intends to incorporate the outcomes into additions to existing and planned legislation, such as the Cloud and AI Development Act.“
https://securitydelta.nl/news/overview/eu-launches-consultation-on-strengthening-open-source-ecosystems

Weitere Quellen:

Souveränitäts-Washing mit europäischen Etiketten https://econlittera.bankstil.de/souveraenitaets-washing-mit-europaeischen-etiketten

Die Open-Source-Illusion: Warum kostenloser Code keine digitale Souveränität schafft https://econlittera.bankstil.de/die-open-source-illusion-warum-kostenloser-code-keine-digitale-souveraenitaet-schafft