Wieviel Abstraktion braucht Beratung?

Von Ralf Keuper

Noch immer ist die Ansicht weit verbreitet, dass die Abstraktion wenig zur Lösung praktischer Probleme beitragen kann. Der Versuch, ein Problem im betrieblichen Alltag von einer höheren gedanklichen Ebene aus zu betrachten, wird schnell mit den Worten quittiert, dass sei doch alles nur „Meta“, im vorliegenden Fall dagegen gehe es um ganz konkrete Fragestellungen, die keine weitere Abstraktion erfordern. Diese Haltung trifft man bei den zu beratenden Kunden ebenso so häufig an wie in Beratungshäusern selbst. 

Beflügelt durch die Systemtheorie und ihren Vordenker Niklas Luhmann hat das abstrakte Denken in den letzten Jahren jedoch wieder Boden gut gemacht.  

Inzwischen ist der Bankensektor, schaut man sich die Diskussion um die Systemrelevanz oder die systemischen Risiken an,  ein Paradebeispiel für die Renaissance des abstrakten, systemtheoretischen  Denkens. 

Aber nicht nur die Systemtheorie hat dem abstrakten Denken wieder zu neuem Ansehen verholfen. Auch bei den Vordenkern des Liberalismus lassen sich Anleihen machen. 

Um das besser zu verdeutlichen, sei auf  John Rawls verwiesen, der in seinen Buch Politischer Liberalismus sagt:
Es ist ein Fehler, zu glauben, daß abstrakte Konzeptionen und allgemeine Grundsätze gegenüber konkreteren Urteilen stets den Ausschlag geben. Diese beiden Seiten des praktischen Denkens .. ergänzen einander und müssen so lange aneinander angepaßt werden, bis sie sich zu einer kohärenten Auffassung zusammenfügen.
Die Arbeit des Abstrahierens ist demnach nicht ohne Grund: sie ist keine Abstraktion um der Abstraktion willen. Vielmehr bietet sie die Möglichkeit, die öffentliche Diskussion fortzuführen, wenn gemeinsame Überzeugungen, die weniger allgemein sind, sich als nicht länger tragfähig erwiesen haben. Wir müssen damit rechnen, daß wir, je tiefer ein Konflikt reicht, um so höher in die Abstraktion hinaufsteigen müssen, um einen klaren und unverstellten Blick auf seine Wurzeln zu bekommen.
Das erinnert vom Ansatz her an das Gegenstromverfahren.  

Abstraktion im wohl verstandenen Sinn dient dazu, Probleme besser in den Blick zu bekommen, ohne eine Lösung vorzugeben. Ziel ist es, die divergierenden Ansichten zu einer, wie Rawls es sagt, kohärenten Auffassung zusammenzuführen. Auch das ist nicht die Lösung, sondern häufig erst der Beginn, sich von einer gemeinsamen Verständigungsebene aus auf die Suche danach zu machen.

Eine Denkrichtung, die die Vorteile der Abstraktion mit denen einer pragmatischen Vorgehensweise zu verknüpfen versucht, ist das von Roger Martin propagierte Design Thinking. Darin beruft sich Martin ausdrücklich auf die Abduction von Charles Sanders Peirce

Kurzum: Abstraktion nicht um ihrer selbst willen und auch nicht für jedes Problem. Es gibt noch immer Problemstellungen, die so offensichtlich sind, dass eine Abstraktion unnötig ist. Allerdings werden die Gelegenheiten in der Beratung, bei denen die Abstraktion, wie im Design Thinking, zum Einsatz kommt, m.E. deutlich zunehmen. In einer immer komplexeren, interdependenten (Arbeits-) Welt unausweichlich. 
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