Es gibt eine Szene in der ARTE-Dokumentation Arbeit ohne Sinn (Regie: John Webster, FIN 2022), die man nicht so schnell vergisst. Ein Moderator hält ein schmales Heft in die Kamera: das Simple Sabotage Field Manual, 1944 herausgegeben vom US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst OSS, als Anleitung für Widerstandskämpfer in besetzten Gebieten. Die Empfehlungen sind verblüffend konkret – und verblüffend vertraut. Endlose Meetings einberufen. Entscheidungen auf Komitees verschieben. Formulare verlangen, die niemand liest. Klare Anweisungen durch bürokratische Umwege unterlaufen.

Was 1944 als Sabotage galt, beschreibt 2026 den Alltag ungezählter Büros.
Der filmische Brückenschlag ist mehr als eine polemische Pointe. Er eröffnet eine ernsthafte analytische Frage: Unter welchen Bedingungen werden dysfunktionale Praktiken nicht als Fehler des Systems erkannt, sondern als das System selbst stabilisiert – und von den Beteiligten internalisiert, bis zur Erschöpfung?


Graeber: Die strukturelle Sinnlosigkeit

David Graebers These, entwickelt in Bullshit Jobs (2018), ist bekannt genug, um oft missverstanden zu werden. Es geht ihm nicht um schlechte Jobs im Sinne schlechter Arbeitsbedingungen, nicht um niedrig entlohnte Tätigkeiten, nicht um physisch belastende Arbeit. Die These lautet präziser: Ein wachsender Anteil von Tätigkeiten erfüllt keine erkennbare gesellschaftliche Funktion – und die Personen, die sie ausüben, wissen das selbst. Graeber schätzt diesen Anteil auf inzwischen rund 40 Prozent aller Erwerbstätigen in entwickelten Volkswirtschaften; die Doku arbeitet mit der groben Verlaufsangabe, dass der Anteil von Verwaltungs- und Managementtätigkeiten von etwa 25 auf 75 Prozent gestiegen sei.

Entscheidend ist die psychologische Implikation. Menschen sind offenbar nicht in der Lage, dauerhaft Tätigkeiten auszuführen, die sie selbst als sinnlos oder destruktiv beurteilen, ohne daran Schaden zu nehmen. Graeber nennt dies das eigentliche Paradox der Gegenwartsarbeit: Ausgerechnet diejenigen Jobs, die gesellschaftlich am meisten gebraucht würden – Pflege, Erziehung, Müllabfuhr, Instandhaltung –, werden systematisch gering entlohnt und niedrig angesehen. Während Positionen, die primär Informationen verwalten, Compliance dokumentieren oder Reorganisationsprozesse moderieren, Prestige und Gehalt akkumulieren.

Die Dokumentation weist zutreffend auf den institutionellen Treiber hin: Shareholder-Value-Orientierung und die Signallogik der Kapitalmärkte produzieren permanente Reorganisationen, die weniger der operativen Effizienz als der Darstellung von Handlungsfähigkeit gegenüber Investoren dienen. Management wird befördert nicht trotz fehlender Führungskompetenz, sondern weil die eigentliche Funktion nicht Führung, sondern Repräsentation ist. Die menschlichen Kosten dieser Anordnung – Stress, Zynismus, Arbeitsplatzverluste, psychische Erkrankungen – gelten buchhalterisch als Externalitäten.

Maslach: Die Systematik des Zusammenbruchs

Christina Maslach hat Burnout nicht entdeckt, aber systematisiert. Ihr Beitrag besteht darin, Burnout aus der individualpathologischen Rahmung zu lösen und als Passungsproblem zwischen Person und Arbeitsumgebung zu beschreiben. Das Areas of Worklife Model (Leiter/Maslach 1999, 2004) benennt sechs Dimensionen, entlang derer Passung oder Missverhältnis entstehen können: Arbeitsbelastung, Kontrolle und Autonomie, Belohnung und Feedback, Gemeinschaft und soziale Einbettung, Fairness und Gerechtigkeit sowie Wertkongruenz.

Diese Systematik ist für die Analyse von Bullshit-Jobs erhellend. Denn die von Graeber beschriebenen Tätigkeiten weisen charakteristisch niedrige Passungswerte entlang mehrerer Maslach-Dimensionen auf – und das gleichzeitig. Hohe Arbeitsbelastung bei gleichzeitig geringer Kontrolle (man produziert Berichte, die niemand liest, aber die Deadline ist nicht verhandelbar). Geringe Belohnung im Sinne von Feedback und Wirksamkeitserfahrung (das Projekt wird eingestellt, bevor es irgendetwas verändert hat). Fairness-Defizite (die Gewinne aus gestiegener Produktivität fließen anderswohin). Und, besonders wirksam: Wertkonflikt – man hält die eigene Tätigkeit für unnötig oder schädlich, kann aber nicht darüber sprechen, ohne die eigene Erwerbsgrundlage zu gefährden.

Die Doku zeigt Burnout-Betroffene in einer Selbsthilfegruppe, die ihre Biographien rekonstruieren. Was dabei sichtbar wird, ist kein persönliches Versagen, sondern eine verblüffend kohärente Sozialisationsgeschichte: Leistungsorientierung von früh an, statusbezogener Karrieredruck, Schulerfahrungen, die Regelgehorsam über Urteilsvermögen stellen. Maslach spricht von körperlicher Erschöpfung, Depression, Tinnitus; Betroffene berichten von Fluchtphantasien, dem Wunsch, lieber vom Auto angefahren zu werden als zur Arbeit gehen zu müssen. Das Entscheidende: Der Zusammenbruch wird zunächst als individuelles Versagen erlebt, als Schwäche, die man verbergen muss.

Genau diese Zuschreibungsstruktur ist systemfunktional. Wer Burnout als persönliches Problem versteht, sucht keine strukturelle Ursache. Er optimiert Schlafgewohnheiten, bucht Achtsamkeitskurse – und kehrt in dieselbe Umgebung zurück.

Die verbindende Logik

Graebers und Maslachs Analysen ergänzen sich in einer Weise, die keiner der beiden explizit formuliert hat. Graeber beschreibt das strukturelle Arrangement, das sinnentleerte Arbeit erzeugt und perpetuiert. Maslach beschreibt den menschlichen Aggregatzustand, in den dieses Arrangement seine Träger versetzt. Was fehlt, ist die Verbindung: die institutionelle Reproduktionslogik, durch die beides stabil bleibt.

Ein Hinweis liegt in der Schulkritik, die die Dokumentation einflicht. Das Schulsystem – Glocken, Formularpflicht, Gehorsamkeitserwartungen, fehlende Sinnreflexion – sozialisiert nicht zur Urteilsfähigkeit, sondern zur Regelakzeptanz. Wer zwölf Jahre lang gelernt hat, dass Tätigkeiten nicht nach ihrem Sinn befragt werden dürfen, sondern nach ihrer Anforderungskonformität, bringt die notwendige psychische Disposition für Bullshit-Jobs mit. Die Sabotage aus dem OSS-Handbuch muss gar nicht bewusst eingeführt werden – sie wird von Anfang an als Normalform erlebt.

Dazu kommt, was man die Entkopplungsstruktur moderner Arbeitsorganisationen nennen könnte: Produktivitätsgewinne und Lohnentwicklung laufen seit Jahrzehnten auseinander. Die Doku benennt das knapp: Die Gewinne fließen in den Finanzsektor und zum obersten Einkommensprozent, während die Arbeit für viele sinnentleert bleibt. Diese Entkopplung macht es rational, auf Sinnstiftung durch Arbeit zu verzichten und stattdessen auf extrinsische Anreize zu setzen – also genau die Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Bullshit-Jobs gedeihen und Maslachs Mismatch-Dimensionen systematisch unterschritten werden.

Was folgt daraus?

Die Dokumentation endet mit einem eher appellativem Plädoyer: mehr psychologische Ergonomie in Organisationen, Neubewertung gesellschaftlich wertvoller Arbeit, mehr Freiheit für Menschen, Sinnvolles zu tun. Das ist nicht falsch, aber theoretisch unterdeterminiert.

Für eine organisationstheoretisch geschärfte Lesart wäre der nächste Schritt, zu fragen, welche Interventionspunkte im institutionellen Gefüge überhaupt wirksam sein könnten. Maslachs Passungsmodell legt nahe: nicht primär an der individuellen Resilienz ansetzen, sondern an den Dimensionen Autonomie, Fairness und Wertkongruenz. Das bedeutet konkret: Entscheidungsstrukturen, die operative Eigenverantwortung ermöglichen; Vergütungssysteme, die tatsächliche Wirksamkeit rückkoppeln; und – am schwierigsten – eine Organisationskultur, in der die Frage Wozu machen wir das eigentlich? nicht als Sabotage gilt, sondern als Kompetenz.

Graeber hätte hinzugefügt, dass das nicht ohne Veränderung der Eigentumsstruktur und der Kapitalmarktlogik möglich ist. Maslach würde beginnen, die Umgebung zu vermessen.

Beides hat seine Berechtigung. Und das OSS-Handbuch von 1944 bleibt, ungewollt, ein nützlicher Spiegel.

Ralf Keuper 


Dokumentation: „Arbeit ohne Sinn“, ARTE, Regie: John Webster, FIN 2022, ca. 78 Min.

Literatur: David Graeber, Bullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit (2018); Christina Maslach / Michael P. Leiter, Burnout. The Cost of Caring (1982 / erw. 2004)

Die Leere im Getriebe – Über Bullshit-Jobs und den Verlust von Sinn https://econlittera.bankstil.de/die-leere-im-getriebe-ueber-bullshit-jobs-und-den-verlust-von-sinn

Bullshit Jobs https://econlittera.bankstil.de/bullshit-jobs