Der Vergleich zwischen Deutschland und Japan ist in der wirtschaftspolitischen Debatte inzwischen geläufig – er wird aber meist zu rasch abgehandelt. Entweder als Warnung („Verlorene Dekaden drohen auch uns“) oder als heimlicher Trost („Japan funktioniert ja noch irgendwie“). Beide Interpretationen verfehlen den analytischen Kern. Was der Vergleich tatsächlich leistet, ist eine Schärfung des Blicks auf jene strukturellen Mechanismen, die eine entwickelte Volkswirtschaft in eine chronische Stagnation treiben können – und auf die spezifischen Bedingungen, unter denen dieser Prozess schneller oder langsamer, geordnet oder disruptiv verläuft.
Der folgende Essay gliedert den Vergleich entlang vier Dimensionen: strukturelle Parallelen, strukturelle Unterschiede zuungunsten Deutschlands, Bereiche relativer Stärke Deutschlands – und schließlich den Zeitfaktor als entscheidende Variable.
I. Strukturelle Parallelen: Wo die Analogie trägt
Die auffälligste Parallele zwischen Japan in den 1990er Jahren und Deutschland heute ist die Überindustrialisierung bei gleichzeitiger Unterentwicklung in neuen Wachstumsfeldern. Japan war zum Zeitpunkt seiner Stagnation eine der führenden Industrienationen – hochproduktiv in der Fertigung, weltweit präsent in Elektronik und Automobilbau, stolz auf eine Exportbilanz, die andere Volkswirtschaften mit Schwindel erfüllte. Diese Stärke erwies sich als strukturelle Falle: Sie band Kapital, Talent und politische Aufmerksamkeit in bestehenden Sektoren, während plattformbasierte, digitale Wertschöpfungsmodelle entstanden, für die das industrielle Paradigma keine Vorlage bot.
Deutschland befindet sich in einer strukturell analogen Lage. Die Automobilindustrie, der Maschinenbau, die Chemie – sie sind global kompetitiv, aber in Technologiezyklen eingebunden, die sich beschleunigen. Die Transformation zur Elektromobilität, die Verschiebungen durch additive Fertigung und die Verdrängung komplexer mechanischer Systeme durch softwaregestützte Lösungen stellen nicht nur Produktionsprobleme dar, sondern fordern das gesamte industrielle Selbstbild heraus.
Hinzu kommt das Problem der Zombie-Unternehmen. In Japan wurden nach dem Platzen der Vermögensblase zahlreiche Unternehmen durch Kreditverlängerungen der Hausbanken künstlich am Leben gehalten – produktivitätshemmend für das Gesamtsystem, aber politisch bequem. In Deutschland existiert ein funktionales Äquivalent: Förderprogramme, Subventionen und regulatorische Schutzwälle, die strukturell nicht mehr wettbewerbsfähige Unternehmen vor dem Markturteil bewahren. Das schont den sozialen Frieden kurzfristig, verzögert aber die notwendige Ressourcenumverteilung zu produktiveren Verwendungen.
Schließlich die institutionelle Sklerose. Japan litt unter einer tiefverwurzelten Verflechtung zwischen Großunternehmen, Ministerien und Banken – dem sogenannten Iron Triangle –, die Innovationsdruck absorbierte und Wandel systematisch verzögerte. Das deutsche Pendant ist weniger kompakt, aber nicht weniger wirksam: eine Konfiguration aus Verbänden, Gewerkschaften, Betriebsräten, Länderministerien und Bundesbehörden, die Konsens als Legitimationsressource benötigt und dadurch Entscheidungsgeschwindigkeit dauerhaft reduziert.
II. Strukturelle Unterschiede: Wo Deutschland schlechter dasteht
Hier beginnt die Analogie zu Japan ihre tröstliche Dimension zu verlieren. Denn in mehreren zentralen Dimensionen befand sich Japan zum Zeitpunkt seiner Stagnation in einer günstigeren Ausgangslage als Deutschland heute.
Soziale Kohäsion. Japan verfügt über eine ausgeprägte kulturelle Homogenität und eine kollektivistische Grundhaltung, die soziale Verwerfungen in Phasen wirtschaftlicher Stagnation abfedern. Armut wurde ertragen, nicht demonstriert. Der gesellschaftliche Zusammenhalt blieb im Wesentlichen intakt. Deutschland hingegen erlebt eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung, verschärft durch eine Zuwanderungsdebatte, der eine funktionale Integrationspolitik fehlt, und durch eine wachsende Ungleichheit, die sich in politischem Misstrauen niederschlägt. Ein Japan-Szenario unter deutschen gesellschaftlichen Bedingungen wäre erheblich weniger stabil.
Geopolitische Exposition. Japan ist eine Insel – geographisch geschützt, militärisch unter amerikanischem Schirm, und damit in der Lage, wirtschaftliche Stagnation ohne geopolitische Sekundärrisiken zu verarbeiten. Deutschland ist Kontinentalmacht im Zentrum Europas, mit einer langen Ostflanke, energiepolitischen Abhängigkeiten, die sich als strategische Verwundbarkeit erwiesen haben, und dem Druck, europäische Führungsverantwortung zu übernehmen, während die innenpolitische Handlungsfähigkeit schwindet.
Fehlende digitale Champions. Japan hat zwar die Plattformökonomie verpasst, aber zumindest robuste nationale Technologieunternehmen in Nischenmärkten erhalten. Deutschland hat im Bereich digitaler Infrastrukturen, Plattformmodelle und KI-Systeme keine international wettbewerbsfähigen Akteure hervorgebracht. SAP ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Der Versuch, durch Konsortialinstitutionen wie Gaia-X Kollektivlösungen zu entwickeln, hat das Muster des institutionellen Fettgewebes nur auf den Digitalbereich übertragen: viel Governance, wenig operative Substanz.
Energieabhängigkeit. Diese Dimension existiert in der japanischen Vergleichsfolie nicht in vergleichbarer Schärfe. Die energiepolitische Fehlentscheidung, eine Abhängigkeit von russischem Gas aufzubauen und gleichzeitig die Kernenergie aufzugeben, ohne das erneuerbare Energien bislang einen adäquaten Ersatz bieten, hat die industrielle Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft verteuert. Das ist kein konjunkturelles, sondern ein strukturelles Problem.
III. Wo Deutschland besser dasteht: Die relativen Stärken
Eine ernsthafte Analyse schuldet den Gegencheck. Deutschland ist nicht in jeder Dimension schwächer als Japan zum Zeitpunkt seiner Stagnation.
Europäische Einbettung. Die EU-Mitgliedschaft bietet Deutschland institutionelle, regulatorische und wirtschaftliche Puffer, die Japan als Inselstaat nicht hatte. Der Binnenmarkt sichert Exportabsatzmärkte. Die EZB kann geldpolitisch intervenieren. Europäische Strukturfonds kanalisieren Ressourcen. Das federt externe Schocks ab – wenn auch auf Kosten eigenständiger Handlungsfähigkeit.
Mittelstandssubstanz. Der deutsche Mittelstand ist trotz aller Erosionstendenzen nach wie vor eine reale Stärke. Spezialisierte Anbieter in Nischenmärkten, die technologische Tiefe mit unternehmerischer Eigentümerlogik verbinden, existieren in Japan in vergleichbarer Dichte nicht. Diese Substanz ist erhaltenswert – aber sie ist kein Automatismus. Sie verlangt strategische Erneuerung, die gegenwärtig in vielen Unternehmen ausbleibt, zumal die Nischen-Strategie im digitalen Zeitalter und angesichts der Herausforderungen globaler Produktionsnetzwerke nur noch sehr bedingt funktioniert.
Akademische Infrastruktur. Deutschland verfügt über ein dichtes Netz an Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Die Grundlagenforschung ist international anerkannt. Das ist eine Ressource – mit dem Vorbehalt, dass der Transfer von Forschungsergebnissen in kommerzielle Wertschöpfung nach wie vor strukturell unterentwickelt ist.
IV. Der Zeitfaktor: Die entscheidende Variable
Hier liegt das eigentliche analytische Gewicht des Vergleichs. Japan erreichte seine Stagnation von einem sehr hohen Ausgangsniveau. Die Volkswirtschaft war 1990 auf dem Höhepunkt ihrer produktiven Potenz – eine der produktivsten und am dichtesten kapitalisierten der Welt. Diese Substanz ermöglichte es, drei Jahrzehnte langsamer Erosion ohne systemischen Kollaps zu überstehen. Die aufgebaute Vermögensposition, die hohe Sparquote, die Exportkraft: Sie alle wirkten als Puffer.
Deutschland beginnt den Anpassungsprozess von einem deutlich niedrigeren relativen Ausgangspunkt, mit sinkenden Investitionsquoten, wachsender Infrastrukturalterung und einem politischen System, das Verteilungsfragen ausweicht. Die Nettoauslandsposition ist noch positiv, aber die Trendrichtung stimmt nicht. Und anders als Japan der 1990er Jahre steht Deutschland vor einer Transformation, die nicht nur zyklischer Natur ist, sondern technologisch getrieben: Generative KI und agentenbasierte Systeme verändern Wertschöpfungsarchitekturen in einem Tempo, das politische Anpassungszyklen systematisch überfordert.
Die eigentlich beunruhigende Erkenntnis lautet: Es gibt kein historisches Vorbild für eine entwickelte Volkswirtschaft, die diesen Übergang unter demokratischen Bedingungen, ohne externe Schocktherapie und bei gleichzeitiger gesellschaftlicher Polarisierung erfolgreich gestaltet hat. Japan wäre der nächste Vergleichsfall – und der ist nicht ermutigend. Wenn es so wird wie in Japan, haben wir noch Glück.
Ralf Keuper
Quellen:
Japan: Lost Decades – Strukturanalysen
Fukao, Kyoji (RIETI): „The Structural Causes of Japan’s Two Lost Decades“ Umfassende Analyse der TFP-Schwäche, fehlender ICT-Investitionen und der Rolle von KMU. https://www.rieti.go.jp/en/publications/rd/003.html
Harvard/Fukao et al.: „The Structural Causes of Japan’s Lost Decades“ (Working Paper) Detaillierte empirische Studie auf Unternehmensebene, inkl. ICT-Investitionslücke.https://scholar.harvard.edu/files/jorgenson/files/fukao_paper_the_structural_causes_of_japans_lost_decades_201405114pdf.pdf
Wikipedia: „Lost Decades“ Guter Überblick über Chronologie, Daten (nominales BIP-Rückgang 1995–2025) und Vergleichsdaten. https://en.wikipedia.org/wiki/Lost_Decades
Asian Development Bank: „Japan’s Lost Decade: Lessons for Other Economies“ (ADBI Working Paper)Strukturelle vs. konjunkturelle Ursachen; Demographie und Zombie-Banken im Fokus.https://www.adb.org/publications/japans-lost-decade-lessons-other-economies
Asian Development Bank: „Causes and Remedies for Japan’s Long-Lasting Recession“ (ADBI Working Paper)Vertikale IS-Kurve als Erklärungsmodell; Alterung und Basel-Kapitalanforderungen.https://www.adb.org/sites/default/files/publication/177252/adbi-wp554.pdf
Japan: Iron Triangle / Institutionelle Rigidität
Sakakibara, Eisuke: „Structural Reform in Japan: Breaking the Iron Triangle“ (Brookings, 2003) Klassisches Werk zum Iron Triangle aus Innenperspektive (ehemaliger Vize-Finanzminister). https://www.amazon.com/Structural-Reform-Japan-Breaking-Triangle/dp/0815776764
Wilson Center: „Squaring the Iron Triangle“ Diskussion der Reform-Versuche unter Koizumi und DPJ.https://www.wilsoncenter.org/event/squaring-the-iron-triangle-the-fate-economic-and-political-reform-japan
McCormack, Gavan: „Breaking the Iron Triangle“ (New Left Review, 2002) Kritische Analyse des doken kokka(Baustaat) als Kernproblem. https://newleftreview.org/issues/ii13/articles/gavan-mccormack-breaking-the-iron-triangle.pdf
Asian Survey: „The Resilience of Japan’s Iron Triangle – Amakudari“ Amakudari als institutioneller Mechanismus des Iron Triangle. https://library.fes.de/libalt/journals/swetsfulltext/14218811.PDF
INSEAD Knowledge: „Deflation Woes: Can China Avoid Japanification?“ Nützliche Kontextualisierung des Iron Triangle im internationalen Vergleich (Japan/China). https://knowledge.insead.edu/economics-finance/deflation-woes-can-china-avoid-japanification
Deutschland: Strukturkrise und Deindustrialisierung
ifo Institut: „Deindustrialisierung“ (SD 2023) Wissenschaftliche Analyse des Strukturwandels mit Japan-Vergleich und Branchendaten. https://www.ifo.de/DocDL/sd-2023-03-zdg-huether-etal-deindustrialisierung.pdf
Wirtschaftsdienst / Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2024: „Deutsche Wirtschaft im Umbruch“ DIW, IfW, RWI, ifo: offizielle Konjunktur- und Strukturdiagnose.https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2024/heft/10/beitrag/gemeinschaftsdiagnose-herbst-2024-deutsche-wirtschaft-im-umbruch.html
bpb: „Herausforderungen der Industrie am Standort Deutschland“ (APuZ, 2024) Industriepolitischer Hintergrund, Geopolitik und Transformationsdruck. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/industriepolitik-2024/544579/herausforderungen-der-industrie-am-standort-deutschland/
NZZ: „Deutschland arbeitet an seiner Abschaffung als Wirtschaftsnation“ (2024) Standortanalyse mit IMD World Competitiveness Report-Daten; Haushaltsdaten und Bürokratie. https://www.nzz.ch/meinung/deutschland-arbeitet-an-seiner-abschaffung-als-wirtschaftsnation-es-ist-hoechste-zeit-das-ruder-herumzureissen-ld.1844445
Ingenieur.de / Diplomatic Council: „Deindustrialisierung schreitet voran“ (2025) Aktuelle Stellenstreichungszahlen (100.000+ in 2025), Digitalisierungsdefizite.https://www.ingenieur.de/wirtschaft/deindustrialisierung-ist-die-industrieflucht-noch-zu-verhindern/
