Standorttheorie 2.0: Digitalisierung beansprucht viel „Raum“

Von Ralf Keuper

Wenn man die diversen Beiträge liest, in denen die Vorzüge der fortschreitenden Digitalisierung beschrieben werden, dann kann hin und wieder der Eindruck entstehen, die Digitalisierung spiele sich ausschließlich in virtuellen Welten ab, habe also keinen großen Einfluss auf die Flächennutzung. Das Gegenteil ist richtig.

Beispielhaft dafür sind die Kryptowährungen sowie die riesigen Batteriefabriken, die für die Herstellung von Autos mit Elektroantrieb nötig sind. Ganz abgesehen von Smartphones und den digitalen Medien. Deren Energie- und Rohstoffverbrauch ist enorm und unterscheidet sich keinesfalls von dem der „alten“ Industrien.

Kryptowährungen sind auf die Tätigkeit der sog. Miner angewiesen. Diese investieren große Summen in den Bau und den Betrieb sog. Mining-Farmen. Insbesondere in China sind in den letzten Jahren große Mining-Farmen entstanden. Schätzungen gehen davon aus, dass die chinesischen Miner bis zu 60 Prozent der Mining-Kapaizitäten von Bitcoin auf sich vereinigen, was sich diametral zur Bitcoin-Philosophie verhält, wonach kein einzelner Akteur eine dominierende Stellung haben darf.

Als Gründe für die marktbeherrschende Stellung der chinesischen Minen-Gesellschaften werden klassische Merkmale aus der Standorttheorie und der Betriebswirtschaftslehre herangezogen. So seien für den wirtschaftlichen Betrieb der Farmen die Economies of Scale von großer Bedeutung. Ebenso die günstigen Energiepreise, die niedrigen Lohnkosten und – nicht zu vergessen – die nötigen Flächen.

Momentan ist Island ein bevorzugter Standort für die Ansiedlung von Mining-Farmen, was vor allem auf die günstigen klimatischen Bedingungen zurückzuführen ist, die dazu führen, dass sich die Kosten für die Kühlung in überschaubarem Rahmen bewegen.

Jedoch ist der Raum in Island, verglichen mit China, knapp. Hinzu kommt, dass der Energie- und Rohstoffverbrauch durch die Aluminiumindustrie in Island ohnehin schon nahezu ausgereizt ist, was in der Bevölkerung zu wachsendem Unmut führt. Einige sprechen in dem Zusammenhang von Islands Umwelt-Paradox.

Eine der einflussreichsten Standorttheorien war bzw. ist zum Teil noch Die Theorie der unternehmerischen Standortwahl von Alfred Weber, jüngerer Bruder von Max Weber.

Weber ging in seiner Theorie von der Gewinnmaximierungsabsicht der Unternehmer aus, die als Einzelpersonen nach den Prinzipien des Homo Oeconomicus, d.h. stets rational und auf Basis (nahezu) vollständiger Information, handelten. Wesentlich für die Standortwahl sind nach dem Modell Webers die Transportkosten, die bei den Rohstofflieferungen und/oder für die Distribution zu den Kunden anfallen. Weiteres Kriterium sind die Arbeitskosten.

Bei den Rohstoffen unterschied Weber zwischen lokalisierten, d.h. am Standort vorhandenen, und ubiquitären, d.h. standortungebundenen. Mittels eines aufwendigen Rechenverfahrens wird der optimale Standort bestimmt. Abgewogen wird dabei u.a. zwischen dem Materialstandort, dem Konsumort und dem Standort mit den niedrigsten Arbeitskosten.

Im Zeitalter der digitalen Ökonomie sind viele der Annahmen aus Webers Modell kaum noch zu verwenden. Jedoch sind eine wichtige Parallelen vorhanden. Die >Information Centric Industries< wie Banken, Versicherungen, IT- und Medienunternehmen verarbeiten ubiquitäre Rohstoffe – Daten und Informationen. Diese Rohstoffe sind prinzipiell an keinen Standort gebunden. Als Kostenfaktor ins Gewicht fallen neben den Ausgaben für das Personal und Miete insbesondere auch die Energiekosten, die nicht unwesentlich sind. Weiterhin sind steuerliche Fragen ebenso für die Standortwahl von Bedeutung wie der Zugang zu Fördermitteln und wichtigen Kontakten (Investoren, Wissenschaftler, Kommunalpolitiker, Wirtschaftsförderer etc). Die unmittelbare Nähe zu den Abnehmern ist im Vergleich dazu anscheinend von untergeordneter Bedeutung, was vielleicht auch erklärt, dass Berlin, trotz seiner geringen Zahl von Banken und Industrieunternehmen, eine hohe Anziehungskraft für Startups besitzt.

Dennoch bleibt der Raum bzw. die Fläche von großer Bedeutung. Insofern verfügen große Flächenländer wie China, die USA, Kanda und Russland über einen großen strategischen Vorteil. In China kommt er bereits – neben anderen erwähnten Faktoren –  zum Tragen. Länder wie Deutschland dagegen befinden sich hier in einer schwachen Position. Es fehlt schlicht der nötige Raum, jedenfalls für den Fall, dass demnächst alles mehr oder weniger digital abläuft. Die klimatischen Bedingungen in Mitteleuropa sind zwar nicht schlecht, aber keinesfalls so gut, dass sie die anderen Faktoren, wie Miet-, Bau- und Lohnkosten kompensieren könnten. Länder wie Russland sind hier – vor allem wirtschaftsgeographisch gesehen – mit Sibirien eigentlich besonders im Vorteil. Ein Aspekt, der bislang noch nicht genügend berücksichtigt wird. Der nötige Raum, zumindest ein Teil davon, könnte in Deutschland dann frei werden, wenn die großen (Auto-)Fabriken nicht mehr benötigt werden; ein mittlerweile gar nicht mehr so unwahrscheinliches Szenario.

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