Die Gründung von Telefunken 1903 ist ein bemerkenswertes Beispiel erfolgreicher Industriepolitik – orchestriert von einem Monarchen, der rivalisierende Unternehmer zur Kooperation zwang und damit einen internationalen Technologieführer schuf. Die Geschichte zeigt, unter welchen Bedingungen staatliche Intervention Marktführerschaft begründen kann.
Als Guglielmo Marconi 1897 seine ersten Funkversuche in England durchführte, war Kaiser Wilhelm II. sofort aufmerksam. Nicht die zivilen Anwendungen interessierten den deutschen Monarchen, sondern das militärische Potenzial der neuen Technologie. Was folgte, war ein bemerkenswerter industriepolitischer Coup: Wilhelm II. zwang Wilhelm von Siemens und Emil Rathenau, ihre konkurrierenden Funktechnik-Aktivitäten unter dem Namen Telefunken zusammenzulegen.
Die Ausgangslage war typisch für die deutsche Industrielandschaft jener Zeit. Nach der positiven Antwort Marconis auf ein Gesuch der Königlichen Technischen Hochschule reisten deutsche Physiker nach England, um die Funktechnik zu studieren. Sie kehrten mit ausreichend Wissen zurück, um ähnliche Versuche durchzuführen – und prompt gründeten sowohl Siemens als auch die AEG unter Emil Rathenau eigene Funktechnik-Unternehmen. Der Kaiser erkannte das Problem sofort: Deutscher Wettbewerb würde die Marktposition gegenüber der britischen Marconi-Gesellschaft schwächen.
Die erzwungene Fusion erwies sich als Erfolg. Unter Telefunkens Leitung entstand in Nauen eine Großfunkanlage, die zur größten der Welt werden sollte. Mit dem Sender Königs Wusterhausen kam eine weitere wichtige Station hinzu. Der internationale Durchbruch gelang mit der Erfindung des Tonfunkensenders, der das Seefunkmonopol der Marconi-Gesellschaft brach. In seinen Glanzzeiten war Telefunken mit 50 Prozent am Weltfunkverkehr beteiligt – ein beachtlicher Marktanteil für einen deutschen Technologieführer.
Was machte diese Intervention erfolgreich? Erstens die klare technologische Richtung: Funktechnik war das unbestrittene Zukunftsfeld. Zweitens die Kompetenzkonzentration: Siemens und AEG brachten komplementäre Fähigkeiten ein. Drittens die garantierte staatliche Nachfrage durch Marine, Militär und später die Deutsche Reichspost. Viertens das Timing: Die Marktstrukturen waren in dieser frühen Phase der Technologie noch formbar, strategische Bündelung konnte tatsächlich Marktposition schaffen.
Mit der Zeit entwickelte sich in Deutschland ein umfassendes Rundfunksendernetz, maßgeblich vorangetrieben von Hans Bredow. Bereits 1929 begann die Deutsche Reichspost mit ersten Fernsehversuchen. Der von Telefunken entwickelte Fernsehsender ging 1935 mit dem Fernsehsender Paul Nipkow live – dem ersten Fernsehsender überhaupt.
Die industriepolitische Leistung Wilhelm II. bleibt beachtlich, auch wenn seine Motive imperial und militärisch waren. Er erkannte die strategische Bedeutung der Technologie, zwang rivalisierende Unternehmer zur Kooperation und schuf damit einen internationalen Champion.
Die Bedingungen, unter denen diese Intervention gelang, lassen sich nicht ohne weiteres auf heutige Verhältnisse übertragen. Aber sie zeigen, dass staatlich orchestrierte Konsolidierung unter bestimmten Voraussetzungen Technologieführerschaft begründen kann. Telefunken war ein Erfolg – unter den Bedingungen seiner Zeit.
Ralf Keuper
Quelle:
Telefunken – Ein wichtiges Stück Funk- und Fernsehgeschichte https://medienstil.bankstil.de/telefunken-ein-wichtiges-stueck-funk-und-fernsehgeschichte