“Wohlstand und Armut der Nationen” von David Landes (Teil 1)

Von Ralf Keuper

Woher kommt es, dass einige Nationen über Jahrhunderte einen großen wirtschaftlichen Aufschwung erleben und reich werden, während andere mit einem vergleichbaren Potenzial in Armut verharren? Welche Faktoren sind dafür verantwortlich?

Der renommierte Wirtschaftshistoriker David Landes ging diesen Fragen in seinem Buch Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind nach.

Von besonderem Interesse sind dabei China und die islamischen Staaten. Diese waren dem Westen über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende in der (angewandten) Wissenschaft sowie in der Technik weit voraus. Im Mittelalter jedoch erlahmte plötzlich der Erfindungsreichtum und die Abenteuerlust in Ländern wie China und Persien. Als hätte Europa auf diesen Zeitpunkt gewartet, starten Länder wie England, Frankreich und Spanien ihren Eroberungsfeldzug, der in der Geschichte seinesgleichen sucht. Als Erklärung gibt Landes an:

  1. Die jüdisch-christliche Achtung vor Handarbeit
  2. Die jüdisch-christliche Unterwerfung der Natur unter den Menschen
  3. Der lineare Zeitbegriff der jüdisch-christlichen Tradition
  4. Der freie Markt

Zu Punkt 4, den er für den entscheidenden hält, bemerkt Landes:

In Europa hatte das Unternehmertum freie Hand. Innovation kam zum Zuge und zahlte sich aus; die Herrscher und etablierten Interessengruppen waren nur begrenzt imstande, die Innovation zu verhindern oder davon abzuschrecken. Der Erfolg gebar Nachahmung und Wettstreit, außerdem ein Bewusstsein von Macht, das auf lange Sicht Menschen fast in den Rang von Göttern erhob.

Aber auch unter den europäischen Staaten verlief die Entwicklung unterschiedlich. Mit der Zeit verloren Spanien und Portugal den Anschluss an England, Frankreich und den Niederlanden. Die üppig fließenden Einnahmen in Form von Gold, die aus den südamerikanischen Kolonien flossen, führten zu einer Selbstgenügsamkeit und Trägheit, die auf Dauer den Tatendrang, der nötig ist, um die einmal erreichte Stellung zu halten, erlahmen ließen.

Spanien wurde arm, weil es zuviel Geld hatte. Die Nationen, in denen die Arbeit getan wurde, bildeten gute Gewohnheiten aus und pflegten sie, und ihr Streben ging dahin, neue Methoden zur rascheren und besseren Bewältigung der Aufgaben zu entwickeln. Die Spanier hingegen frönten ihrem Hang zu Hochfahrenheit, Müßiggang und Lustbarkeiten .. . Damit standen sie nicht allein. Überall in Europa ehrte man den vornehmen Lebensstil und verachtete die körperliche Arbeit, allerdings nirgendwo so sehr wie in Spanien, weil eine von Konfrontation und Krieg geprägte Gesellschaft eine schlechte Schule für Geduld und harte Arbeit ist, zum Teil aber auch deshalb, weil die Handwerke und Verrichtungen der Industrie und Landwirtschaft im spanischen Bewusstsein schon lange mit verachteten Minoritäten wie den Juden und Muslimen verknüpft waren.

Etwas anders war die Situation in Italien.

Italien war auf das große Mittelmeer fixiert, steckte darin fest. Es wurde auch durch alte Strukturen gelähmt: Die Herrschaft der Zünfte lastete auf den Handwerken und machte es ihnen schwer, sich neuen Anforderungen des Geschmacks anzupassen. Die Arbeitskosten blieben hoch, weil das Handwerk weitgehend auf städtische, zunftmäßig organisierte Werkstätten beschränkt blieb, in denen erwachsene Handwerker beschäftig wurden, die einen jahrelangen Gesellendienst hinter sich hatten.

Im zweiten Teil: Der Aufstieg der Wissenschaft und der Berufe. Amerika erobert die Weltmärkte.

Dieser Beitrag wurde unter Sachbücher, Wirtschaftsgeschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.