The Wealth and Poverty of Nations, by David Landes

Veröffentlicht unter Wirtschaftsgeschichte | Hinterlasse einen Kommentar

“Weltkonzern und Kriegskartell. Das zerstörerische Werk der I.G. Farben” von Diarmurid Jeffreys

Von Ralf Keuper

Die Geschichte der I.G. Farben ist eng mit dem NS-Regime verbunden. Wie tief der seinerzeit größte Chemiekonzern der Welt in die Machenschaften des Dritten Reichs verstrickt war, zeigt Diarmuid Jeffreys in Weltkonzern und Kriegskartell. Das zerstörerische Werk der I.G. Farben.

Ein wichtiger Meilenstein war der Abschluss des sog. Benzinvertrages am 14. Dezember 1933.

Als Gegenleistung für die Zusage der IG, die Produktion in Leuna bis 1935 auf 350 000 Tonnen pro Jahr zu steigern, erklärte sich das Reich bereit, die gesamte Produktion der Fabrik zu kaufen, die sich auf dem offenen Markt nicht absetzen ließ. Er garantierte außerdem für zehn Jahre einen Preis, der den Produktionskosten nach Steuern plus einem Gewinn von 5 Prozent des von der IG investierten Kapitals entsprach. Alle darüber liegenden Gewinne würde der Staat bekommen.

Damit ging die IG einen faustischen Pakt ein:

Ab diesem Zeitpunkt war das Schicksal der IG Farben untrennbar mit dem des Dritten Reichs verknüpft. die Zukunft war noch nicht erkennbar, aber das Kartell hatte sich praktisch verpflichtet, Hitler mit den Mitteln zu versorgen, um den schlimmsten bewaffneten Konflikt der Menschheitsgeschichte vom Zaun zu brechen.

Nur durch die hohe Nachfrage des Staates konnte die IG Farben in die Massenproduktion einsteigen:

Ohne Hitlers Wiederaufrüstungsprogramme hätte es freilich viel weniger IG-Produkte zum Verkaufen gegeben. Synthetisches Öl und andere Materialien gingen nur in die Massenproduktion, weil der Staat sie auch strategischen Gründen subventionierte. Tatsächlich stammten etwa 40 Prozent des Umsatzes der IG zwischen 1936 und 1939 aus fünf Produktionsbereichen, die direkt durch den Vierjahresplan stimuliert waren: Nitrate für Sprengstoffe, Treibstoff, Metalle, Buna, Plastik, sowie Kunstfasern.

Nach dem Krieg, währen der Nürnberger Prozesse argumentierten die Spitzenmanager der IG Farben, sie hätten unter Druck gehandelt. Außerdem hätte viele ihrer Tätigkeiten friedlichen Zwecken gedient. Demgegenüber hält Jeffreys fest:

Fast ohne Widerspruch und ganz gewiss ohne moralisch begründete Rücktritte versorgte die Führung der IG das Hitler-Regime mit wirtschaftspolitischen Nachrichten über seine künftigen Feinde und bemühte sich zugleich, diesen die synthetischen Rohstoffe vorzuenthalten, die sie zu ihrer Verteidigung in dem absehbaren Krieg brauchen würden. Sie erfüllte begeistert die Forderung des Regimes nach weiteren Fabriken und baute oft heimlich Werke, die ausschließlich militärische Güter herstellten. Sie akzeptierte das Arisierungsprogramm des Regimes mit einer Widerspruchslosigkeit, die besonders schändlich war, weil die IG traditionell Juden beschäftigt hatte.

Weiterhin:

Hätte die IG-Führung den Mut gefunden, in den späten dreißiger Jahren das Geschäft mit den Nazis abzulehnen oder wenigstens weniger bereitwillig kooperiert, so hätte Hitler schwer zu kämpfen gehabt, um seine Kriegsmaschine in Gang zu halten. Stattdessen trieb die IG durch ihre Kooperation die Maschine voran.

Veröffentlicht unter Sachbücher | Hinterlasse einen Kommentar

Telefunken – Ein wichtiges Stück Funk- und Fernsehgeschichte

Von Ralf Keuper

Die Firma Telefunken war maßgeblich am Aufbau des deutschen Rundfunk- und Fernsehsender-Netzes beteiligt. Geliefert wurden komplette Rundfunkstationen. Darüber hinaus war das Unternehmen ein Pionier bei der Entwicklung neuer und richtungsweisender Sendetechnik. Insofern steht Telefunken für ein wichtiges Stück Funk- und Fernsehgeschichte.

Die ersten Funkversuche führte Guglielmo Marconi 1897 in England durch. Die Versuche weckten das Interesse von Kaiser Wilhelm II, der vor allem die militärische Nutzung der Funktechnik im Sinn hatte. Die Königliche Technische Hochschule schickte, nachdem ein Gesuch an Marconi von diesem positiv beantwortet wurde, einige Physiker nach England, um sich die Funktechnik vor Ort anzuschauen. Die Physiker konnten soviel Informationen aufnehmen, dass sie sehr bald in der Lage waren, ähnliche Versuche, wie die von Marconi, durchzuführen. Das wiederum führte zur Gründung der ersten Funk-Unternehmen durch Wilhelm von Siemens und Emil Rathenau. Auf Drängen des Kaisers legten die beiden Unternehmer ihre Firmen unter dem Namen Telefunken zusammen.

In der Folge entstand unter der Leitung von Telefunken in Nauen eine Großfunkanlage, die später die größte der Welt werden sollte. Ein weiterer wichtiger Sender aus der Zeit war der Sender Königs Wusterhausen.

Der internationale Durchbruch gelang Telefunken mit der Erfindung des Tonfunkensenders. Damit konnte das Seefunkmonopol der Marconi-Gesellschaft durchbrochen werden. Zu seinen Glanzzeiten war Telefunken mit 50 Prozent am Weltfunkverkehr beteiligt.

Mit der Zeit entstand in Deutschland ein Rundfunksendernetz. Eine maßgebliche Rolle spielte dabei Hans Bredow.

Bereits 1929 begann die Deutsche Reichspost mit den ersten Fernsehversuchen. Der von Telefunken entwickelte Fernsehsender ging 1935 mit dem Fernsehsender Paul Nipkow, dem ersten Fernsehsender überhaupt, live.

Crosspost von Medienstil 

Veröffentlicht unter Wirtschaftsgeschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Anmerkungen zur Token Economy

Von Ralf Keuper

Über die Jahrtausende haben die Zahlungs- und Tauschmittel der Menschen ihr Gesicht mehrmals gewandelt – von Muscheln, über Pfeffer bis hin zu Silber oder Gold (Vgl. dazu: Die Geschichte(n) des Geldes. Von der Kaurischnecke zum Goldstandard. So entwickelte sich das Finanzsystem). Heute wird das Geld immer abstrakter. Nur noch ein geringer Teil der Waren und Dienstleistungen wird mit Bargeld bezahlt. Es dominiert das Buchgeld. Neu hinzu gekommen sind digitale Währungen, wie Bitcoin, die aber beim Kauf von Waren und Dienstleistungen bislang eine untergeordnete Rolle spielen. Deutlich größerer Veränderungsdruck geht von der Blockchain-Technologie aus, von der Bitcoin nur eine Anwendung ist. Die Blockchain-Technologie macht es möglich, Transaktionen fälschungssicher abzuwickeln und zu dokumentieren, wobei jeder Teilnehmer des Netzwerkes zu jedem Zeitpunkt denselben Informationsstand hat.

Viele, wie Max Thake in The Token Economy, halten digitale Währungen daher nur für ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur Token Economy, deren Rückgrat die Blockchain Technologie bzw. die übergeordnete Kategorie der Distributed Ledger Technologies sind:

The next wave in the digital age would seem just as baffling to our ancestors as it will be to many of us. The idea that a person can send or trade a digital representation of an asset or an idea — known as a token, to anywhere in the world, instantly, with no possibility of it being hacked or corrupted, will raise many eyebrows. Yet this is the kind of global economy we are edging towards — a token economy.

Wenn sich die Eigentums- und Nutzungsrechte an Investitionsgütern und Immobilien digitalisieren lassen, dann eröffnen sich für den Handel mit eben diesen Vermögenswerten, so Thake, ganz neue Möglichkeiten:

Tokens can be used to define virtually any form of value and can be exchanged for any other token, representing any other form of value. At present, a dollar can’t be directly exchanged for a Facebook like. In the token economy, that, and any other form of token exchange will be both possible and easily accessible.

In dem Beitrag The Economics of Tokenization Part I: Not Everything Can (or Should) be Tokenized geht Stephanie Hurder näher auf das Prinzip der Tokenization und die Rolle der Blockchain ein:

Tokenization is the process of digitally storing the property rights to a thing of value (asset) on a blockchain or distributed ledger, so that ownership can be transferred via the blockchain’s protocol.

Mit der Token Economy, so Thake, werde der Gegensatz zwischen Kapitaleignern und den abhängig Beschäftigten aufgehoben:

Tokens merge investment capital with liquid exchange capital, meaning that anyone who is paid in tokens or uses them as a method of exchange automatically becomes an investor, thus removing the notorious divide. When you work for a token system, you’re working for yourself and for the whole organization.

Nicht ganz so sozialutopisch, aber in der Kernbotschaft nicht weit davon entfernt, argumentiert Dave Birch. In einem Gespräch hält auch er eine zunehmende Tokenization der Wirtschaft für den nächsten logischen Schritt.

Nicht ganz so optimistisch ist die bereits erwähnte Stephanie Hurder:

Tokenization only works correctly if transferring ownership via the blockchain protocol guarantees that the asset itself changes ownership, and if the blockchain protocol is the only way to transfer ownership of the asset. In other words, the asset changes owners if and only if the owner changes via the protocol. This is a simple, but often overlooked point.

Weiterhin:

In attempting to tokenize physical assets with tentative mapping to tokens, organizations have had to expend extensive centralized resources to overcome these problems. Some gold exchanges have tried to address these problems by storing their blockchain-traded gold bars in a secure vault that they pay for, ensuring that their gold bars correspond to those traded and that no one else has the opportunity to trade these objects off the blockchain. This solution is costly and inconvenient, and destroys much of the value promised by implementing a blockchain solution.

In The biggest problems with token models: what to do when equity is stealing the token’s value bezeichnet Jose Maria Macedo den Interessenkonflikt bei den Gründern und Investoren, die sich mit ihrem Geld an ICOs (Initial Coin Offerings) beteiligen, aber gleichzeitig Tokens halten, für ein derzeit deutlich unterschätztes Problem:

Most of the biggest projects such as Bitcoin and Ethereum aren’t companies. They do not have shareholders. They only have token-holders instead. As such, there is no conflict of interest. Their token economic models seek to maximize value for token-holders.

However, this is not the case for many ICO’s which are limited companies, often with investors. They possess both shareholders (venture capitalists and founders) as well as token-holders (ICO investors and founders).

This creates a moral hazard. The founders of these projects will also possess both equity and tokens. They will often possess a higher percentage of the total equity than of total tokens. (A traditional seed round is 10–25% whereas an ICO is generally 40–60%).

Im Enddefekt laufe das auf eine Benachteiligung derjenigen Anteilseigner hinaus, die nur Tokens besitzen:

This is a serious and overlooked issue, especially when ICO’s are making capital investments that benefit shareholders using the millions of dollars they raised in an ICO but then distributing the returns on those investments to shareholders rather than token-holders.

Ohne entsprechende organisatorische Regelungen, ohne Governance, wird auch die Token Economy nicht funktionieren, so Macedo.

Many of these issues can also be resolved by having good governance models built into the token that allows token-holders to vote on key issues, including asset allocation.

For instance, a project’s assets can be held in escrow in a smart contract allowing token-holders to vote to liquidate and distribute all assets pro-rata to token-holders.

So viel ist sicher: Da besteht noch viel Diskussions- und Regelungsbedarf.

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc. | Hinterlasse einen Kommentar

“Ausgebremst. Wie die Automobilindustrie Deutschland in die Krise fährt” von Helmut Becker

Von Ralf Keuper

Einige Jahre bevor der Diesel-Skandal die deutsche Automobilindustrie erschütterte und bevor Tesla die Platzhirsche Daimler, BMW und VW alt aussehen ließ, ging der ehemalige Chefvolkswirt von BMW mit der deutschen Paradebranche in Ausgebremst. Wie die Automobilindustrie Deutschland in die Krise fährt hart ins Gericht. Die Diagnose fiel daher wenig erfreulich aus:

Auch wenn die Wahrheit schmerzhaft ist: Die deutsche Autoindustrie hat am Standort Deutschland ihren Zenit überschritten. Sie bleibt zwar auch auf absehbare Zukunft der Motor der deutschen Wirtschaft, ein Motor, der allerdings bereits deutlich an Drehzahl verloren hat.

Die Kostenstrukturen der Hersteller sorgen dafür, dass die Margen über die Jahre kontinuierlich gesunken sind, über alle Autoklassen hinweg:

Deutlich sinkende Ertragsmargen im Kerngeschäft bei allen OEMs, auch bei den sogenannten Nobelmarken, haben teilweise zu spektakulären Kostensenkungsprogrammen mit massivem Belegschaftsabbau geführt. Im Volumensegment machen einige tradierte Autohersteller bereits seit mehreren Jahren im operativen Geschäft teilweise sogar noch zunehmende Verluste. Und rücken langsam, aber sicher in die Nähe eines Marktaustritts, jedenfalls wenn die Mutterkonzerne, selbst in Not, Quersubventionen nicht mehr durchhalten wollen.

Heute bestimme die Nachfrage, der Kunde die Automobilproduktion, was zu einer überbordenden Variantenvielfalt geführt habe, die einen erheblichen Entwicklung- und Logistik-Mehraufwand zur Folge hatte. Nur wenige Hersteller erreichen in den neuen Nischenmärkten den für die Profitabilität nötigen Mindestabsatz an Autos. Die Automobilindustrie stehe daher in einem oligopolistischen Verdrängungswettbewerb.

In der Vergangenheit konnte sich die deutsche Automobilindustrie mit zahlreichen Innovationen im Premium-Segment festsetzen. Ein Fehler, so Becker, sei es gewesen, in den hochwertigen und teuren Autos verstärkt Plastik zu verwenden. Dieser Widerspruch lasse sich auf Dauer nicht durchhalten bzw. vermitteln. Becker macht für dieses Dilemma die hohen Lohn- und Lohnnebenkosten verantwortlich. Auch haben es die deutschen Hersteller versäumt, neue Märkte, wie China, rechtzeitig mit passenden Modellen zu bedienen.

Eine weitere Ursache für den schleichenden Niedergang der deutschen Automobilindustrie ist die Fixierung auf den Shareholder Value, jedenfalls seine einseitige Auslegung. Eine Strategie, die, wie bei Siemens, Bosch und Daimler über Jahrzehnte, den Kundennutzen in Vordergrund stellt, führt fast schon zwangsläufig zu einem hohen Shareholder Value.

Die Arbeitsplätze bei Bosch und Daimler, bei Siemens und der AEG entstanden, weil deren Produkte am Markt Erfolg hatten.

Das wohl größte Problem der deutschen Premiumhersteller bestehe in dem Hang zum “Over-Engineering”, d.h. alles was sich irgendwie entwicklen und einbauen lässt, wird auch umgesetzt. Ob das nun noch sinnvoll ist und von den Kunden, jedenfalls außerhalb Deutschland, so benötigt und goutiert wird, steht auf einem anderen Blatt.

Fast schon prophetisch muten folgende Worte an:

Die deutsche Autoindustrie hat nichts dazugelernt. Sie behauptet zwar, kreativ zu sein und weltweit die modernste Technik zu bieten. Mag sein, dass sie von Kurbelwellen, Drehmomenten, Doppel-Gelenk-Hinterachsen, CommenRail, BlueTec Dieseltechnik etc. sehr viel versteht, von Mobilität in Verbindung mit ökologischer Verantwortung versteht sie offensichtlich weniger.

Veröffentlicht unter Sachbücher | Hinterlasse einen Kommentar

Digitale Transformation im Maschinen- und Anlagenbau

Mit der vorliegenden Studie wollen wir einen Überblick über die aktuellen Digitalisierungsprozesse im Maschinenbau geben. Die Studie konzentriert sich dabei auf fünf Teilbranchen des Maschinenbaus, nämlich auf die Teilbranchen Aufzüge und Fahrtreppen, Fördertechnik, Holzbearbeitungsmaschinen, Landtechnik und Werkzeugmaschinenbau. Die untersuchten Unternehmen gehören zu den Vorreitern bei der digitalen Transformation. In der Breite des heterogenen Maschinenbaus gibt es beim Stand der Digitalisierung und bei Digitalisierungsstrategien ein sehr vielfältiges Bild. Viele kleine und mittelständige Unternehmen stehen erst am Anfang der digitalen Transformation. Bei diesen fehlen oftmals strategische Ansätze für die Digitalisierung des Unternehmens. Gleichwohl zeigt die Studie die vielfältigen Herausforderungen und Handlungsbedarfe für die IG Metall und ihre Betriebsrätinnen und Betriebsräte bei der Einführung von Digitalisierung und Industrie 4.0 auf. …

Quelle / Link: Digitale Transformation im Maschinen- und Anlagenbau

Veröffentlicht unter Wissenschaftliche Arbeiten | Hinterlasse einen Kommentar

Die Mannesmann Story (Dokumentationsfilm)

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc., Wirtschaftsgeschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Eckpunkte der Bundesregierung für eine Strategie Künstliche Intelligenz

Von Ralf Keuper

Die Bundesregierung hat im Juli diesen Jahres die Eckpunkte der Bundesregierung für eine Strategie Künstliche Intelligenz vorgestellt. Darin hebt sie die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz für die Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland hervor.

Mit einiger Sorge sieht man die Dominanz US-amerikansicher und asiatischer Internetkonzerne:

Im Bereich der Verknüpfung von Nutzerdaten haben amerikanische und asiatische Firmen in den letzten Jahren eine weltweite Dominanz und einen Vorsprung vor deutschen und europäischen Unternehmen erlangt, der ihnen auch bei der weiteren Nutzung von KI-Technologien aktuell Wettbewerbsvorteile verschafft.

Jedoch: Noch ist nicht alles verloren:

Bei der wirtschaftlichen Nutzung von Unternehmens-, Prozess- und Produktdaten aus komplexen Wertschöpfungsketten und deren Verknüpfung mit hybriden Dienstleistungen – einem perspektivisch deutlich größeren Markt – beginnt der Wettbewerb aber erst. Hier hat Deutschland insbesondere aufgrund seiner Wirtschaftsstruktur mit einem starken Anteil des produzierenden Gewerbes, einer weltweiten Spitzenposition im Bereich der Logistik sowie hervorragend ausgebildeter Fachkräfte eine besonders günstige Ausgangsposition. Nicht zuletzt durch einen Vorsprung in Schlüsselfeldern der KI wie Industrie 4.0 und Mobilität. Deutschland bieten sich hier große Chancen.

Zur Rolle des Datenschutzes:

Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bildet einen verlässlichen gesetzlichen Rahmen für innovative Technologien und Anwendungen auch im Bereich der KI. Sie enthält Vorschriften zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Verkehr solcher Daten. Die Überarbeitung der E-Privacy-Verordnung soll dieses Schutzkonzept abrunden.

Weitere Punkte sind die Schaffung eines europäischen Datenraumes und öffentlich-rechtlicher Datenpools:

Weitere Verwirklichung des Europäischen Datenraumes, um in ganz Europa verfügbare Daten besser nutzbar zu machen und die Skalierung datenbasierter Angebote in der EU zu erleichtern. …

Vernetzung privater und öffentlicher Akteure zur Stärkung der Prozessoptimierung mit Hilfe von KI und Unterstützung von Datenkooperationen zwischen Staat und Privatwirtschaft im Sinne eines öffentlich-privaten Datenpools.

So weit, so gut.

In der Tat ist es so, dass der Bereich der Prozess-, Unternehmens-, und Produktdaten weitaus größeres Potenzial hat, als die Nutzerdaten. Allerdings lassen sich diese Daten nicht voneinander trennen, d.h. hier die Industrie dort die Privatpersonen. Die Privatpersonen sind es in der Regel, die in den Unternehmen mit ihrer Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen die Prozesse auslösen. Wenn also Google & Co. die Schnittstelle zu den Nutzern besetzen, dann haben sie damit die Möglichkeit, die weiteren Prozessschritte zu integrieren, was im Bereich Connected Cars und Smart Home bereits passiert.  Laut August-Wilhelm Scheer wird es darauf ankommen ob es uns gelingt,

unsere gegenwärtig erfolgreichen, mehr materiellen Produkte zu digitalisieren und mit neuen Dienstleistungen wie Predictive Maintenance oder Predictive Quality Assurance zu ergänzen (in: “Wir brauchen einen Ruck durch Politik, Forschung, Unternehmen und Gesellschaft” – Interview mit Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer)

Ein Problem, so August-Wilhelm Scheer weiter, sei, dass wir hierzulande die  konsum- und informationsorientierten  Produkte nicht rechtzeitig  in ihrer Bedeutung für die Digitalisierung erkannt hätten. Ob die Künstliche Intelligenz allein zur Verfeinerung der Maschinen ausreicht, wie Wolfgang Wahlster meint, bezweifeln sowohl Prof. Scheer wie auch Dr. Thomas Schmidt (Netzökonom). Schmidt bemängelt, dass KI  in Deutschland überwiegend zur Steigerung der Effizienz, weniger zur Entwicklung datenbasierter Produkte oder Geschäftsmodelle eingesetzt werde. Dafür fehlten oft noch die nötigen Daten und die Fachleute.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der auch von der Bundesregierung angesprochen wird, ist die Standardisierung:

Wer die Standards setzt, bestimmt den Markt. Gemeinsame Normen und Standards sorgen für den Abbau technischer Hemmnisse, unterstützen die Öffnung von Märkten und erhöhen damit die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. Gemeinsame Standards können die Nutzerfreundlichkeit von Anwendungen erhöhen und Interoperabilität ermöglichen. Deshalb ist eine angemessene Stoßkraft Europas in internationalen Standardisierungsprozessen sicherzustellen.

Das gilt vor allem für den Bereich der Sicheren Digitalen Identitäten.

In der virtuellen Welt erfolgt die Darstellung und Identifikation einer Entität über Nullen und Einsen. Für das Funktionieren der digitalen Welt im Allgemeinen und für die Zukunftsprojekte der deutschen Wirtschaft im Speziellen sind „Sichere Digitale Identitäten“ essentiell. Das unternehmens-, system-, branchen- und andere „Grenzen“ – übergreifende digitale Interagieren erfährt mit der Industrie 4.0, den Smart Cities, Smart Mobility oder dem Internet of Things ein vollkommen neues Ausmaß. Dies lässt nach der Bedeutung und Notwendigkeit eines gemeinsamen Verständnisses und Herangehens fragen (in: Vertrauensanker für die Digitalisierung).

Auch hier sind US-amerikanische und asiatische Konzerne, wie Microsoft und Samsung, eifrig dabei, Standards zu setzen. Bevorzugte Technologie ist die Blockchain. Wenn Europa und Deutschland auch diesen Wettlauf verlieren, wird es eng. Um die Abhängigkeit von US-amerikansichen und asiatischen Technologiekonzernen zu verringern, bietet sich neben dem Einsatz der Blockchain-Technologie auch die Verwendung von Open Source – Lösungen an (Vgl. dazu: Mit Open Source-Software die Hoheit über Daten und digitale Identitäten sicherstellen).

Alternativen sind demnach vorhanden.

Crosspost von Identity Economy

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc. | Hinterlasse einen Kommentar

Smarte Service Welt – Innovationsbericht 2018

Intelligente datenbasierte Dienstleistungen, sogenannte „Smart Services“, gestatten eine exible Kombination von intelligenter Datenerfassung und -analyse (Smart Data). Darauf können bedarfsorientierte Dienste aufbauen und über digitale Online-Plattformen bereitgestellt werden, auf denen unterschiedliche Anbieter und Nutzer zusammengeführt werden können. Hierdurch ergeben sich für alle Beteiligten vielfältige Kombinationsmöglichkeiten und neuartige Geschäftsmodelle, bei denen die Plattform als Daten- und Dienstleistungsdrehscheibe im Mittelpunkt steht. …

Bei der Umsetzung der Plattformen und der darauf aufbauenden Geschäftsmodelle ergeben sich allerdings zahlreiche Hürden, die nicht ausschließlich technischer Natur sind.
So müssen verschiedene rechtliche Rahmenbedingungen wie Datenschutz und Haftungsfragen beachtet werden, für die es gerade bei neuartigen Plattformkonzepten nicht immer vorgefertigte Lösungen gibt. Auch die entstehenden Geschäftsmodelle erfordern eine genauere Betrachtung der Markt- und Wettbewerbssituation sowie eine entsprechende Ausrichtung der technischen Entwicklungen. Weitere projektübergreifende Themen sind die Bereitstellung sicherer, vertrauenswürdiger Plattformarchitekturen sowie der Bereich Normung und Standardisierung, sowohl hinsichtlich der bereits stattfindenden Nutzung zahlreicher Standards als auch mit Blick auf eine mögliche Standardisierung der in den Projekten entwickelten Lösungen.

Quelle / Link: Smarte Service Welt – Innovationsbericht 2018

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc. | Hinterlasse einen Kommentar

Dezentrale Künstliche Intelligenz: Eine Bedrohung für Google & Co?

Von Ralf Keuper

Die großen US-amerikanischen ebenso wie die asiatischen Internetkonzerne haben in den letzten Jahren etliche Milliarden in die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz investiert. Und doch scheint es so, als wäre die Künstliche Intelligenz die Achillesferse von Google & Co. Dieser Ansicht ist der Chef der Strategieberatung Roland Berger (Vgl. dazu: Künstliche Intelligenz bedroht Google und Facebook). Gefährlich könnte den Datenkonzernen das Aufkommen der dezentralen Künstlichen Intelligenz werden. Heute sind die Geräte (Autos, Maschinen, Kameras etc.) selber mit Künstlicher Intelligenz (KI-Chips) ausgestattet, so dass die Datenmengen nicht erst anderswo zentral gesammelt und ausgewertet werden müssen. Die Datenzentren würden näher an die Geräte und die Nutzer rücken. Hier seien Millisekunden bei der Datenübertragung schnell entscheidend.

Bei Alibaba ist man auf dieses Szenario scheinbar bestens vorbereitet. Das legt ein Interview mit dem Chefarchitekten für KI bei Alibaba jedenfalls nahe. Mit seiner ET Brain-Plattform will das chinesische Unternehmen die Künstliche Intelligenz massentauglich machen; wie mit dem City Brain -Projekt oder der IoT-Plattform:

Kürzlich hat Alibaba ein eigenes Unternehmen für die Chip-Produktion gestartet. Das Unternehmen soll sich auf die Entwicklung von Chips für das Quantencomputing konzentrieren. Damit will man noch näher an die Geräte und Objekte (Menschen, Tiere) heran rücken. Jede Branche, ja fast jeder Geschäftsvorfall benötigt künftig spezielle Chips.

Große Hoffnungen richten sich auf die Verbindung der Blockchain-Technologie mit Big Data, modernen Chips und Verfahren der Künstlichen Intelligenz: Häufig zusammengefasst unter dem Begriff Decentralized Artificial Intelligence.

Erst kürzlich haben Infineon und XAIN eine Kooperation vereinbart. Die Unternehmen planen, die Blockchain-Technologie in die Autos zu bringen. Die Datenverarbeitung soll damit auf die Autos verlagert werden. Damit sind die Autos in der Lage, direkt miteinander zu kommunizieren, ohne die Zwischenschaltung großer Datenzentren.

Mit dezentraler Künstlicher Intelligenz und Decentralized Autonomous Organizations (DAO) ist es für die Nutzer und Unternehmen möglich, die Hoheit über ihre Daten zurückzugewinnen und sich von den großen Datenkonzernen zu emanzipieren.

Einen guten Einstieg in das Thema Dezentrale Künstliche Intelligenz gibt Everything You Need to Know About Decentralized AI.

Auf der anderen Seite sind die Vertreter der Zentralen Künstlichen Intelligenz dabei, ihre Zusammenarbeit zu intensivieren wie Google und Facebook (Vgl. dazu: Google deepens partnership with Facebook on AI technology). Daneben haben Google & Co. mit grundsätzlichen Problemen bei der Anwendung der Verfahren der Künstlichen Intelligenz, wie der Gefahr von Diskriminierungen, zu kämpfen (Vgl. dazu: Tech companies just woke up to a big problem with their AI). Ein weiteres, gesamtwirtschaftliches Problem entsteht dadurch, dass die großen Technologiekonzerne den Markt für KI-Experten und -Entwickler leer fegen und damit die Verbreitung der Künstlichen Intelligenz in andere Branchen behindern (Vgl. dazu: Silicon Valley companies are undermining the impact of artificial intelligence).

Aggregate revenue of the five leading U.S. tech companies (Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon, Facebook) represent less than 5 percent of total U.S. GDP. Yet tech giants are buying up companies and directing them to focus on R&D, rather than building AI applications for specific, non-tech industry problems that can have an impact today.

Die Internetkonzerne hätten ihre eigenen Interessen im Blick; für spezielle, branchenspezifische Problemstellungen fehle ihnen das Know How und das Gespür. Sie legen ihre KI-Lösungen zu abstrakt, zu allgemeingültig aus.

Insofern könnte die Künstliche Intelligenz – in Kombination mit dezentralen, branchenspezifischen Know How und entsprechenden Technologien – tatsächlich ein ernsten Problem für Google & Co. werden.

Weitere Informationen:

Decentralised AI has the potential to upend the online economy

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc. | Hinterlasse einen Kommentar