Deutschland will im Supercomputing vorne mitmischen

Von Ralf Keuper

Der Erfolg einer Volkswirtschaft wird nach Auffassung vieler Beobachter künftig davon abhängen, welche Erkenntnisse sie aus der Auswertung bzw. Simulation größter Datenmengen ziehen kann. Das wichtigste Werkzeug hierfür sind sog. Supercomputer oder Höchstleistungsrechner, die pro Stück schon mal mehrere hundert Millionen Euro kosten können.

Die leistungsfähigsten ihrer Art stehen derzeit in den USA und China. In Europa sind  Großbritannien, Deutschland und Frankreich die Länder mit den meisten und leistungsfähigsten Supercomputern.

In Deutschland sucht den Supercomputer in der FAZ vom 27.06.2018 heisst es:

Mit der Leistung dieser Rechner lässt sich in Wissenschaft und Wirtschaft einiges anfangen. In der Industrie wie in der in der Grundlagenforschung läuft schon heute ohne Supercomputer wenig. Weder Astro- noch Teilchenphysiker noch die Entwickler neuer Kunststoffe oder neuer Medikamente zur Heilung von Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer können auf sie verzichten. Selbststeuernde Systeme für Autos, Flugzeuge oder Raketen werden mit Hilfe von Supercomputern entwickelt. In der Wetter- und Klimaforschung sind sie unabdingbar.

Die EU will mit einer Supercomputer-Initiative den Rückstand zu den USA und China in den nächsten Jahren aufholen. Über die Standorte der neuen Superrechner wird derzeit noch verhandelt. Gute Chance haben das Kernforschungszentrum Jülich in der Nähe von Aachen, das Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart und das Leibniz-Rechenzentrum in Garching bei München. Die drei Einrichtungen haben sich vor einiger Zeit zum Gauss Supercomputer-Zentrum zusammengeschlossen.

Zur Arbeit des Verbundes:

Unter anderem organisieren sie die Beschaffung von Hardware, die Vergabe von Rechenzeit an Wissenschaftler, die Entwicklung von Software sowie generell die Forschungsaktivitäten.

Nach Ansicht des Chefs des Gauss-Supercomputing Zentrums, Michael Resch, stehen die Chancen gut, dass Europa im Wettlauf der Höchstleistungsrechner vorne mitmischen kann. Ohne eigene Recheninfrastruktur seien die europäischen und deutschen Hersteller von Automobilen und Maschinen auf Rechner in den USA und China angewiesen.

Bewertung / Einordnung

Es ist wohl unstrittig, dass Europa eine leistungsfähige Rechnerinfrastruktur benötigt, wenn wir nicht von den USA und China (und demnächst weiteren Ländern) abhängig werden wollen. Das kann nicht im Interesse der hiesigen Wirtschaft und Gesellschaft sein. Ein Mindestmaß an digitaler Souveränität ist dringend nötig, um die Chancen der digitalen Wirtschaft (Vernetzte Maschinen und Autos, Internet der Dinge, Smart Services) ergreifen zu können und so zu verhindern, die verlängerte Werkbank der Welt zu werden. Ein gutes Beispiel für eine gelungene gemeinsame Kraftanstrengung Europas ist das Airbus-Projekt. Etwas ähnliches benötigen wir auch für das Supercomputing und weitere Technologie, wie die Distributed Ledger Technologien, wie Blockchain, und im Bereich Künstliche Intelligenz.

In der Regierung kursieren bereits Pläne, wie Deutschland bei der Künstlichen Intelligenz, was die Anwendung betrifft, zur Weltspitze vorstossen kann (Vgl. dazu: Wie Deutschland bei künstlicher Intelligenz aufholen kann).

Das Bundesforschungsministerium fördert in den nächsten Jahren mit 30 Mio. Euro die Kompetenzzentren für Maschinelles Lernen in München, Tübingen, Berlin und Dortmund/St. Augustin (Vgl. dazu: Künstliche Intelligenz intelligent nutzen – BMBF Förderung).

In Darmstadt entsteht derzeit auf einer Fläche von 20 Hektar am GSI Helmholtz-Zentrum für Schwerionenforschung der Teilchenbeschleuniger FAIR (Vgl. dazu: Das Universum im LaborDarmstadt bekommt einen Ringbeschleuniger). Im Jahr 2025 soll das Bauvorhaben, das mehr als 1. Mrd. Euro kosten wird, seine Arbeit aufnehmen. Es wird dann zu den größten seiner Art weltweit zählen. 

Auf Wikipedia erfahren wir dazu:

Mithilfe der Anlage sollen neue Einblicke in die Struktur von Materie und die Entwicklung des Universums erhalten werden. Forschungsfelder sind die Kern-, Hadronen- und Teilchenphysik, die Atom- und Antimateriephysik, die Plasmaphysik und Anwendungen in den Materialwissenschaften, der Biologie und der Biomedizin. Das Projekt FAIR gliedert sich in die Teile Bauwerke, Beschleuniger sowie wissenschaftliche Experimente und Detektoren. Mit den veranschlagten Kosten von 1,357 Milliarden Euro (Preisniveau 2005)[5] sind Bau, Beschleuniger und ein Drittel der Experimente abgedeckt.

Weitere Informationen:

Kanzleramtschef Braun setzt auf ein „neues Wirtschaftswunder“ durch die Digitalisierung

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc. | Hinterlasse einen Kommentar

“Die zweite Revolution in der Autoindustrie” von James P. Wormack, Daniel T. Jones und Daniel Roos

Von Ralf Keuper

Bis in die 1990er Jahre dominierte in der Automobilindustrie die Fließbandproduktion, wie sie von Henry Ford Jahrzehnte zuvor eingeführt wurde. Durch die wachsende Verflechtung mit den diversen Zulieferern und die gegenseitige Abhängigkeit stieß diese häufig auch als Taylorismus (Scientific Management) bezeichnete Organisationsform an ihre Grenzen. Termine konnte nur noch mit hohem Aufwand eingehalten werden, die Koordination der verschiedenen am Produktionsprozess beteiligten Unternehmen war kaum noch zu bewältigen, die Qualität der Enderzeugnisse, der Autos ließ häufig sehr zu wünschen übrigen. Nicht selten musste man feststellen, am Bedarf vorbei produziert und die Kosten unterschätzt zu haben. Hätte man schon in der Frühphase die verschiedenen Abteilungen und Partner zusammengeholt, wären viele Probleme erst gar nicht entstanden. Während in den USA und Europa an dem überholten Modell der Massenproduktion festgehalten wurde, ging man bei Toyota in Japan unter dem leitenden Produktionsingenieur Taiichi Ohno dazu über, die Produktion flexibler und damit schlanker zu gestalten.

In ihrem Buch Die zweite Revolution in der Autoindustrie beschreiben James P. Wormack, Daniel T. Jones und Daniel Roos die Evolution in der Automobilindustrie, die bereits in den 1940er Jahren bei Toyota ihren Anfang nahm und seitdem unter dem Schlagwort Schlanke Produktion bekannt ist.

Um eine höhere Variantenbreite bei größerer Effizienz als mit der klassischen Fließbandproduktion zu erreichen, setzte Ono beim Werkzeugwechsel an:

Er hatte die Idee, einfache Methoden des Werkzeugwechsels zu entwickeln, die Werkzeuge häufig zu wechseln – alle zwei bis drei Stunden statt zwei bis drei Monate -, für das Ein- und Ausfahren der Werkzeuge Rollen zu verwenden und einfache Ausrichtmechanismen zu entwickeln. Da diese Methode einfach zu beherrschen war und die Produktionsarbeiter während des Formenwechsels untätig waren, kam Ohno der Einfall, diese die Werkzeugwechsel selbst vornehmen zu lassen. .. Ende der 1950er Jahre hatte er die benötigte Zeit von einem Tag auf erstaunliche drei Minuten reduziert und den Bedarf an speziellen Werkzeugeinrichtern beseitigt. Unterdessen machte er eine unerwartete Entdeckung – die Stückkosten waren bei kleineren Losgrößen niedriger als bei sehr großen.

Für dieses Phänomen gab es zwei Gründe: Die Produktion in kleinen Losen beseitigte die Bestandsführungskosten für riesige Lagerbestände fertiger Teile, die die Massenproduktionssysteme mit sich brachten. Wichtiger noch, bei nur kleinem Teilevorlauf bis zur Montage in der Karosserie konnten Pressfehler fast sofort entdeckt werden.

Mit der sog. Smart Factory verfolgt man heute ein ähnliches Ziel – die Losgröße 1.

Die entscheidende Neuerung war das sog. Kanban- System oder Kaizen bzw. das Prinzip der kontinuierlichen Verbesserung.

Als die Teams reibungslos zusammenarbeiteten, plante er als letzten Schritt periodisch für jedes Team Zeit ein, um gemeinsam Wege zur Verbesserung des Ablaufs zu finden. Dieser kontinuierliche, schrittweise Verbesserungsprozess, kaizen in Japanisch, fand in Zusammenarbeit mit den Industrial Engineers statt, die es noch immer gab, aber in weit geringerer Anzahl. …

Ohno ging .. noch viel weiter. In Massenproduktionsfabriken wurden Probleme gewöhnlich als Zufallsereignisse angesehen. Die Vorstellung war, jeden Fehler zu beseitigen und zu hoffen, dass es nicht wieder auftrat. Ohno führte stattdessen ein Problemlösungssystem ein, das er “Die Fünf Warum” nannte. Die Produktionsarbeiter lernten, jeden Fehler systematisch bis zu letzten Ursache zurückzuverfolgen, und sich dann eine Lösung auszudenken, so dass er nie wieder auftreten konnte.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen:

Als Ohnos System voll in Gang gekommen war, sank der Umfang er vor dem Versand notwendigen Nacharbeit kontinuierlich. Auch die Qualität der versandten Autos wurde ständig besser. Der einfache Grund hierfür war, dass die Qualitätskontrolle, wie sorgfältig sie auch ist, nicht alle Fehler entdecken kann, die in die heutigen komplizierteren Fahrzeuge “eingebaut” werden können.

Im weiteren Verlauf gleichen die Autoren das Toyota-Produktionssystem mit dem der US-amerikanischen und europäischen Autobauer ab. Das Ergebnis fiel für die westlichen Autobauer wenig schmeichelhaft aus.

Einer der Gründe:

Die Japaner brauchen zum Teil weniger Leute, weil eine effiziente Organisation weniger benötigt, aber auch, weil es in japanischen Teams kaum Fluktuation gibt. Da westliche Abteilungsleiter Teammitglieder einfach als die Vertreter ihrer Heimatabteilung im Entwicklungsprozess ansehen, haben sie wenig Bedenken, Teammitglieder häufig zurückzurufen., weil deren Fähigkeiten in der eigenen Abteilung gebraucht werden. Für das Team bedeuten dieses Personalwechsel jedoch einen großen Verlust, weil ein großer Teil des Projektwissens eines Entwicklungsteams in den gemeinsamen Ansichten und langjährigen Erfahrungen der Teammitglieder liegt.

Ein weiterer Pluspunkt der schlanken Produktion nach japanischem Muster war die bessere Kommunikation sowie die Fähigkeit, simultan vorzugehen:

Was ist das Endergebnis dieser intensiven Kommunikation zwischen Karosseriekonstrukteur und Werkzeugmacher, plus exakte Vorausschau des Werkzeugmachens und clevere Terminierung der flexiblen Fräsmaschinen? Es bedeutet, dass die besten schlanken Produzenten in Japan einen kompletten Satz serienreifer Werkzeuge für ein neues Auto innerhalb eines Jahres herstellen können, in genau der Hälfte der Zeit, die der typische Massenproduzent benötigt.

Das Fazit der Autoren fiel mit Blick auf die Wandlungsfähigkeit und -bereitschaft der westlichen Autohersteller nicht sonderlich ermutigend aus:

Es sollte klar sein, dass nicht das “Japanertum” des Managements und der Zulieferer die Frage ist. Sie ist vielmehr, wie gut die Manager von Zweigwerken und die Zulieferer die schlanke Produktion verstehen und wie tief sie sich verpflichtet fühlen, sie zum Laufen zu bringen. Leider ist im Moment ein großer Teil der kundigen Manager mit innerer Verpflichtung zur schlanken Produktion japanisch.

Weiterhin:

Die endgültigen Grenzen des Systems sind noch nicht bekannt und seine Verbreitung innerhalb der Autoindustrie und in anderen Branchen befindet sich noch in einem frühen Stadium – etwa wo die Massenproduktion Anfang der 1920er Jahre war. Am Ende aber, glauben wir, wird die schlanke Produktion die Massenproduktion und die verbliebenen Vertreter der handwerklichen Fertigung in allen Bereichen industrieller Betätigung ersetzen, um das weltweite Standardproduktionssystem des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu werden. Diese Welt wird völlig anders und sehr viel besser sein.

Die Einführung der schlanken Produktion bei den westlichen Automobilherstellern gestaltete sich, wie die Autoren befürchtet hatten, schwierig; häufig griff das Management zur Brechstange wie im Fall von José Ignacio López de Arriortúa bei Volkswagen. Den Erfolg seiner Bemühungen beurteilen die Kommentatoren damals wie heute unterschiedlich (Vgl. dazu: López hat VW mehr gebracht als geschadet & Volkswagen: Ein neuer Lopez-Effekt winkt/droht).

Heute steht die Automobilindustrie vor neuen Herausforderungen wie dem Elektromotor und dem Connected Car. Der Autobauer Tesla macht die Erfahrung, dass eine hochautomatisierte Produktion ihre Tücken hat (Vgl. dazu: Chaos in der Produktion: Tesla fliegt deutsche Roboter einTesla: Hackathon soll Produktionsprobleme lösen).

Wenn mit der Industrie 4.0 und der Smart Factory sowie dem 3D-Druck die Losgröße 1 zum Standard werden sollte, dann waren die Autoren mit ihrer Prognose, was das führende Produktionssystem für das 21. Jahrhundert betrifft, ein wenig voreilig.

Weitere Informationen:

Tesla: Automatisierung bringt Chef der Auto-Entwicklung zu Fall

Veröffentlicht unter Managementliteratur, Sachbücher | Hinterlasse einen Kommentar

Wettbewerbsvorteile durch Information (Michael E. Porter und Victor E. Millar)

Von Ralf Keuper

Der Aufsatz Wettbewerbsvorteile durch Information von Michael E. Porter und Victor E. Millar, der im Jahr 1985 erschien, kann aus heutiger Sicht als wegweisend betrachtet werden.  Zentraler Befund war das Aufkommen eines neuen Wertschöpfungssystems als Folge des verbreiteten Einsatzes der Informationstechnologie in den Unternehmen. Die Informationstechnologie sorgte nicht nur dafür, dass die Abläufe in den Unternehmen selber zunehmend digitalisiert wurden, sondern auch die Beziehungen zu Lieferanten und Kunden. Ebenfalls davon beeinflusst wurde die Wettbewerbsbreite und die Art und Weise, wie ein Produkt die Wünsche der Kunden befriedigt, was mit Blick auf die Themen Industrie 4.0 und Internet of Things und dem Aufkommen der digitalen Plattformen (Google, Apple, Amazon), die mehrere Service aus einer Hand anbieten, Realität geworden ist.

Die Autoren definierten zwei Kriterien, anhand derer sich die Auswirkungen auf die Branchenstruktur und das eigene Unternehmen einordnen ließen: Die Informationsintensität der Wertschöpfungskette und die Informationsintensität des Produkts. Je informationsintensiver die Wertschöpfungskette (Zusammenspiel mit Lieferanten) und/oder das Produkt (z.B. ein Gerät, dessen Betrieb in hohem Umfang Informationsverarbeitung einschließt) sind, desto größer sind die Auswirkungen auf das eigene Unternehmen in Form von Strategien, Organisationsstrukturen und Personalmanagement.

Aktuelles Beispiel für diesen Wandel ist die digitale Plattform SSAB Smart Steel.

Die Informationsrevolution in den Unternehmen, so Porter und Millar, bringe es mit sich, dass in den Unternehmen immer mehr Daten anfallen, die vorher nicht zur Verfügung standen. Dies ermögliche eine deutlich tiefergehende Analyse und die Nutzung einer breiteren Datenbasis. Die Entwicklung verlief seitdem exponentiell. Die Unternehmen versuchen der Datenflut mit verschiedenen analytischen Verfahren, wie Machine Learning, Herr zu werden. In dem Zusammenhang ist häufig von Data Lakes die Rede.

Die Aussagekraft der Analysen ist jedoch abhängig von der Datenqualität, wie der Beitrag Worm on the sensor: What happens when IoT data ist bad? betont.

Crosspost von Identity Economy

Veröffentlicht unter Managementliteratur, Wissenschaftliche Arbeiten | Hinterlasse einen Kommentar

Friedrich Wilhelm Raiffeisen – Begründer des Genossenschaftswesens

Von Ralf Keuper

In diesem Jahr feiert der Gründer des Genossenschaftswesens, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, seinen 200. Geburtstag. Besonders eng ist der Name Raiffeisen hierzulande mit den Genossenschaftsbanken (Volks- und Raiffeisenbanken) verbunden, der zweitgrößten Bankengruppe.

Im selben Jahr wie Raiffeisen und nur zwanzig Kilometer entfernt wurde Karl Marx geboren, dessen 200. Geburtstag ein deutlich größeres mediales Echo erzeugt – zu Unrecht, wie nicht nur die Autoren des von der Friedrich-Wilhelm Raiffeisen Gesellschaft herausgegebenen Magazins gemeinsam meinen. Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit Leben und Wirken Raiffeisens und der Aktualität des Genossenschaftsgedankens.  Letztere ist ungebrochen; erlebt derzeit sogar eine Renaissance, wie Michael Stappel, Volkswirt bei der DZ Bank, im Interview bemerkt. Mit 22,6 Millionen Mitgliedern in fast 8.000 Genossenschaften sind die Genossenschaften die mitgliederstärkste Wirtschaftsorganisation Deutschlands. Den größten Zulauf haben derzeit Genossenschaften aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien, gefolgt von den Wohnungsgenossenschaften.

Das Heft enthält einen Auszug aus dem Beitrag Raiffeisen in seinem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld des angesehenen US-amerikanischen Wirtschaftshistorikers Timothy W. Guinnane. Der Beitrag wurde in dem Buch Raiffeisen 2018: Ökonomische Innovation – Gesellschaftliche Orientierung veröffentlicht.

Weitere Bücher über Raiffeisen, die in dem Heft vorgestellt werden:

Die neueste Genossenschaftsidee, die m.E. in den nächsten Jahren in die Realität umgesetzt wird, ist die der Datengenossenschaft.

Zur weiteren Information zwei Videos.

Veröffentlicht unter Biografien, Wirtschaftsgeschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Die Blockchain ist erst der Anfang. Wie die neue digitale Kette Branche für Branche aufbricht (IM+io, 2/2018)

Von Ralf Keuper

Die aktuelle Ausgabe des vom August-Wilhelm Scheer – Institut (AWSI) herausgegebenen Fachmagazins IM+io beschäftigt sich mit dem Potenzial und den aktuellen Einsatzmöglichkeiten der Blockchain-Technologie. Neben August-Wilhelm Scheer kommen darin weitere Autoren zu Wort, wie Christoph Jentzsch (Slock.it), Martin Holland (PROSTEP AG), Andreas Wilke (Bundesdruckerei), Christian Fleig (KlT) und Meinhard Benn (Satoshi Pay).

Das disruptive Potenzial der Blockchain-Technologie veranschaulicht Scheer am Beispiel der derzeit dominierenden digitalen Plattformen wie Airbnb, die noch auf “alte” Internettechnologien setzen:

Denn auch die Plattformunternehmen des Internets können revolutioniert werden. Hier könnten zum einen genossenschaftliche Strukturen die Macht der Monopolisten brechen. Warum sollte sich im Bereich von sozialen Medien die Beteiligten nicht selbst in der Blockchain organisieren und die mit ihren Daten erzielten Gewinne dann unter sich aufteilen, als sie dem Plattformunternehmen zu überlassen? (Vgl. dazu: Interview mit Hans-Jörg Naumer (Allianz Global Invest)). Zum anderen könnten die Plattformen allein aufgrund des Einsatzes von Blockchain-Technologien schlicht überflüssig werden.

Aus meiner Sicht wird mit diesen Perspektiven die Blockchain-Architektur zu Recht als eine der stärksten Treiber disruptiver Prozessinnovationen bezeichnet.

Andreas Wilke von der Bundesdruckerei stellt in dem Heft das Forschungsprojekt der ID-Chain vor. Mittels einer modifizierten Blockchain mit bidirektionaler Verkettung sollen Berechtigungsketten entstehen, die eine Überprüfung von Berechtigungen in Sekundenschnelle ermöglichen. Die Lösung wird zusammen mit der Cortex AG entwickelt. Dabei wir die NoSQL-Datenbank von Cortex verwendet, die nach dem Vorbild des menschlichen Gehirns aufgebaut und mit einem globalen Index für alle Daten ausgestattet ist.

Thomas Rose, Thomas Osterland und Wolfgang Prinz vom Fraunhofer FIT beleuchten in ihrem Beitrag die Vorteile und aktuellen Defizite der Blockchain-Technologie. Ihr Fazit:

Die Form der Konsensfindung macht die Blockchain für zwei große Anwendungsbereiche interessant: die Koordination und Auditierung kooperierender Geschäftspartner und die Herkunftsnachweise, wobei Herkunftsnachweise nicht nur auf die reine Produktverfolgung beschränkt sein muss, sondern beispielsweise auch auf Testate in der Wirtschaftsprüfung oder die Dokumentation von Mikrotransaktionen ausgedehnt werden kann.

Das nur ein Ausschnitt.

Eine lesenswerte und informative Gesamtschau auf ein Thema, das uns die nächsten Jahre noch intensiver beschäftigen wird.

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc., Wissenschaftliche Arbeiten | Hinterlasse einen Kommentar

“Unsere Maschinenbauer sollten ihre digitalen Pilgerreisen nicht ins Silicon Valley, sondern nach China unternehmen” – Interview mit Dr. Holger Schmidt (Netzökonom)  

Dr. Holger Schmidt (Netzökonom)

Die deutsche Wirtschaft mit ihrem Schwerpunkt auf der Hardware tut sich noch schwer, die Herausforderungen der Digitalisierung anzunehmen. Das ingenieursmäßige Vorgehen und Denken steht dem Erfolg häufig im Weg. Wie kann Deutschland seine Industrie in die digitale Ökonomie überführen, können wir unsere Domänen verteidigen oder müssen wir uns mit dem Rest begnügen? Sind nach der Medienindustrie und den Banken auch der Maschinenbau und die Chemiebranche an der Reihe? Was müsste sich an unserem Wirtschafts- und Bankstil ändern? Auf diese und weitere Fragen gibt Dr. Holger Schmidt (Foto), ausgewiesener Fachmann für die verschiedenen Facetten der Plattformökonomie, Antwort. Schmidt, u.a. Erfinder des Plattformindex, ist vielen als Netzökonom bekannt. In zahlreichen Veröffentlichungen (Deutschland 4.0: Wie die Digitale Transformation gelingtund Vorträgen bringt Schmidt die Plattformökonomie einer breiteren, interessierten Öffentlichkeit näher. Darüber hinaus ist der ehemalige FAZ-Wirtschaftsjournalist noch als General Manager bei Ecodynamics und Kolumnist (Handelsblatt) tätig. 

  • Herr Dr. Schmidt, Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Phänomen der Plattformökonomie. Was ist daran neu?

Plattformen gibt es in Form einfacher Marktplätze natürlich schon immer. Aber erst digitale Plattformen ermöglichen die Skalen- und Netzwerkeffekte, die Plattformen heute zum dominanten Geschäftsmodell der digitalen Ökonomie gemacht haben. 7 der 10 wertvollsten Unternehmen der Welt arbeiten heute mit diesem Modell.  

  • Was genau verbirgt sich hinter dem von Ihnen entwickelten Plattform-Index und welche Schlussfolgerungen bzw. Prognosen lassen sich daraus für die Wirtschaft in Deutschland ableiten?

Der Index umfasst die – meiner Meinung nach – 15 besten Plattform-Aktien. Der Index hat sich in knapp 2 Jahren verdoppelt und zeigt, dass Plattformen an den Börsen höher als klassische Unternehmen bewertet werden. Im Index ist inzwischen kein deutsches Unternehmen mehr vertreten. Dafür gibt es Gründe: In Deutschland kenne ich keine hochentwickelten Plattformen der 3. Generation, die heute die Weltmärkte bestimmen. Zudem werden Plattform-Modelle an den Aktienmärkten in ganz Europa nicht so hoch bewertet wie in den USA oder Asien. Das macht den Unternehmen hier das Leben nicht leichter.

  • Die Stärke der deutschen Industrie liegt eher in der Hardware als in der Software – mit dem Management digitaler Plattformen, die neben der Hardware noch die Software, Finanzierung und Logistik umfassen – haben wir so gut wie keine Erfahrungen. Woran könnte das liegen?

Punkt 1: Digitalisierung wird in Deutschland von Ingenieuren bestimmt. Industrie 4.0, der deutsche Weg, ist ein technikzentrierter Ansatz. Aber wenn wir uns die großen digitalen Game Changer bisher anschauen, dann waren es neue Geschäftsmodelle wie Streaming in der Musikwelt oder App-Stores in der Handywelt. Punkt 2: Digitale Modelle benötigen oft mehr Anlaufzeit, bis sie sich am Markt durchsetzen. Oft ziehen deutsche CFOs zu früh den Stecker. Mit einem deutschen CFO würde es heute weder Amazon noch Netflix geben. Punkt 3: Erfolg macht träge. Einen analogen Weltmarktführer in einen digitalen Weltmarktführer zu transformieren ist vor allem eine Frage des Mindsets. 

  • Nach der Medienindustrie wird nun die Bankenbranche systematisch von Alibaba, Amazon, Google, Samsung und Tencent in Beschlag genommen. Sie besetzen die Kundenschnittstelle. Können Banken sich dem Sog der Plattformen noch entziehen?

Nein. Spätestens mit PSD2 ist das Thema auch in den Banken angekommen. Die haben das auch erkannt. Allerdings ist die Zahl der Plattform-Modelle, die in den deutschen Banken entwickelt wurde, bisher noch überschaubar. Freude macht dagegen die Fintech-Szene in Deutschland mit Figo, Solaris oder N26.

Sagen wir mal so: Es wäre schön, wenn sich diese Veredelung zu einer deutschen Stärke entwickelt. Noch wird KI – wenn überhaupt – meist zur Steigerung der Effizienz eingesetzt, weniger zur Entwicklung datenbasierter Produkte oder Geschäftsmodelle. Dafür fehlen oft noch die nötigen Daten und die Fachleute. Im digitalen Job-Monitor, den ich jedes Quartal für das Handelsblatt berechne, weisen die offenen Stellen für KI-Spezialisten stets die höchsten Zuwächse auf. Zwar ist Deutschland in der KI-Forschung erstklassig, aber dieser Transfer steht noch aus. Ich hoffe sehr, dass dieser Schritt gelingt.

  • Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann bewegen sich das Internet und das Industrial Internet aufeinander zu. Dabei könnte die Consumerization die Überhand gewinnen, d.h. die US-amerikanischen und asiatischen Technologiekonzerne mit ihrer Stärke im B2C-Segment könnten demnächst neben der Automobil- auch die Maschinenindustrie erobern. Ein überzogenes Szenario?

Die Attacke auf die Autoindustrie läuft ja längst. Den besten Job macht aktuell die Mobilitätsplattform Didi Chuxing aus China, finanziert von Apple, Alibaba und Softbank mit vielen Milliarden Dollar. Google hat gerade 62000 Autos bestellt, um in Kürze die erste autonom fahrende Flotte auf die Straßen zu bringen. Den Dreikampf aus autonomen Fahren, Mobilitätsplattformen und Elektromobilität wird aber sicher kein Unternehmen allein gewinnen und eine Entscheidung wird auch nicht über Nacht fallen. Die Strategie einiger Autohersteller, sich weiterhin auf die Hardware zu konzentrieren und das Plattform-Thema zu vernachlässigen, kann ich angesichts der Erfahrungen aus anderen Märkten aber nicht nachvollziehen. Im Maschinenbau sehe ich das größte Engagement im Moment in China, aber auch die deutsche Industrie digitalisiert sich und kann erstmal weiterhin auf ihre hohen Qualitätsstandards vertrauen. Plattformen und KI werden aber auch hier die Gamechanger sein. In beiden Themen sollten wir schneller werden.      

  • In den letzten Jahren haben die deutsche und europäische Wirtschaft in vielen Bereichen ihre digitale Souveränität eingebüßt – bleibt für uns demnächst nur noch der Bereich Cyber Security – reicht das aus?

Ich hoffe doch sehr, dass uns in der digitalen Ökonomie mehr bleibt als Cyber Security. Das reicht sicher nicht. Aber die Digitalisierung der deutschen Kernbranchen wie Automobil, Maschinenbau oder Chemie steht noch ganz am Anfang. Hier ist noch nichts verloren. Aber wir sollten aus den Fehlern, die Händler, Verleger oder Touristiker in der ersten Phase der Digitalisierung gemacht haben, die richtigen Schlüsse ziehen.

  • Für den wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt bzw. Erfolg sind Standards (de facto oder de jure) von großer Bedeutung. Die digitalen Plattformen sind so etwas wie der de facto – Standard in der digitalen Ökonomie. Kann dem mit dem Konzept der Industrie 4.0 effektiv begegnet werden – brauchen wir eigene, europäische Standards, wie bei den Sicheren Digitalen Identitäten?

Schwer zu sagen. Mit Industrie 4.0 sind wir auf dem Weg, den Standard für die Industriewelt zu setzen. Allerdings verläuft die technologische Entwicklung oft schneller als unsere Standardisierer arbeiten können. Insofern bin ich mir noch nicht sicher, ob wir das schaffen. 

  • Was glauben Sie, bekommen Deutschland und Europa in Sachen Digitalisierung noch die Kurve?

Seit ein oder zwei Jahren ist wirklich allen Entscheidern in Deutschland klar, dass Digitalisierung mehr als ein Projekt ist, das in zwei Jahren erledigt ist. Alle haben sich auf den Weg gemacht. Und wenn der deutsche Mittelstand die Muskeln anspannt, passiert auch etwas. Aber wenn man sieht, mit welch unglaublichem Tempo sich China digitalisiert, sollten wir uns beeilen. Nicht zufällig kaufen Chinesen gerade unsere Roboterhersteller, werben unsere KI-Forscher ab und bauen die neue Seidenstraße. Unsere Maschinenbauer sollten ihre digitalen Pilgerreisen nicht ins Silicon Valley, sondern nach China unternehmen.   

  • Herr Dr. Schmidt, vielen Dank für das Gespräch! 

Crosspost von Bankstil

Veröffentlicht unter Interviews, Wissenschaftliche Arbeiten | Hinterlasse einen Kommentar

Wissenschaft trifft Praxis: Digitales Recht und Sicherheit

Von Ralf Keuper

Wenn Daten der neue und – wohl auch der wichtigste – Rohstoff der Wirtschaft sind, dann hat das für ein Industrieland wie Deutschland z.T. gravierende Konsequenzen. Spür- und sichtbar wird das derzeit in der Automobilindustrie, die bereits in das Visier der großen Datenkonzerne wie Apple, Google und Baidu geraten ist. Als nächstes könnte der Maschinenbau an der Reihe sein. Wie August-Wilhelm Scheer in einem aktuellen Interview mit diesem Blog zu bedenken gibt, hat die hiesige Industrie die Relevanz konsum- und informationsorientierter Produkte für die Digitalisierung nicht rechtzeitig erkannt. Folge davon ist, dass deutsche Unternehmen in der digitalen Wirtschaft im Geschäft mit Endkunden (B2C) kaum noch eine Rolle spielen. Sollte sich dieses Muster auf das B2B-Geschäft übertragen, sieht es für die Zukunft der deutschen und europäischen Industrie eher schlecht aus.

Um so wichtiger daher, dass wir noch rechtzeitig die Frage klären, wem die Maschinendaten gehören und wie sie sicher und zum Vorteil aller Beteiligten ausgetauscht werden können.

Auf diese und weitere Fragen liefert die aktuelle Ausgabe von Wissenschaft trifft Praxis Antworten. Darunter auch der Beitrag Hanse 4.0: Maschinen- und Produktionsdaten mit Blockchain betriebsübergreifend auswerten, bei dem ich als Autor mitgewirkt habe.

Crosspost von Identity Economy

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc., Wissenschaftliche Arbeiten | Hinterlasse einen Kommentar

“Wir brauchen einen Ruck durch Politik, Forschung, Unternehmen und Gesellschaft” – Interview mit Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer

Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer

Das Schlagwort der Digitalisierung ist in aller Munde. Dennoch tun sich deutsche Unternehmen schwer damit, die daraus sich ergebenden Konsequenzen für ihre Strategien, Organisationsstrukturen und das Personalmanagement zu ziehen. Die Wissenschaft leistet zwar wertvolle Hilfestellungen, die Früchte der Forschung werden indes häufig in anderen Ländern geerntet. In der deutschen Industrie dominiert die Hardware, die Software wird dagegen eher als nötige Ergänzung gesehen. Folge davon ist, dass deutsche Hersteller in der Unterhaltungselektronik wie überhaupt in der digitalen Wirtschaft im Geschäft mit dem Endkunden (B2C) kaum noch prominent vertreten sind. Es dominiert das B2B-Geschäft, die Systemintegration. Wie kann Deutschland seinen industriellen Kern in die Digitalökonomie überführen? Welche Technologien und Organisationskonzepte sind dazu nötig? Warum ist Software erfolgskritisch geworden? Auf diese und weitere Fragen antwortet Deutschlands Informatik-Pionier Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer (Foto) im Gespräch mit Econlittera. Darin fordert der erfolgreiche Unternehmer (Scheer Group), Forscher und ehemalige Bitkom-Präsident einen Ruck durch Politik, Forschung und Unternehmen, wenn wir in Deutschland und Europa nicht den Anschluss verlieren und unseren Wohlstand erhalten wollen. 

  • Herr Prof. Dr. Scheer, Ihr aktuelles Buch trägt den Titel “Unternehmung 4.0”. Was ist damit konkret gemeint?

Der Zusatz 4.0 bezieht sich natürlich auf die Digitalisierung von Unternehmen. Das Buch soll ein Kompass sein für Unternehmen, das gegenwärtige Businessmodell zu überdenken und auf die Digitalisierung  auszurichten. Dazu werden viele Beispiele gegeben und Vorgehensweisen gezeigt, wie ein digitales Konzept entwickelt und  durch die Automatisierung von Geschäftsprozessen mit neuen Technologien umgesetzt werden kann. Über 70 Abbildungen sollen dabei für den Leser die Hemmschwelle, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, verringern.

  • Ähnliche Ansätze gab es bereits in der Vergangenheit – wie mit CIM. Warum ist diesmal alles anders?

Das CIM Konzept ist nun bereits 30 Jahre alt. Trotzdem lassen sich einige organisatorische Ideen auch heute bei dem Begriff Industrie 4.0  wiederfinden. Das CIM Konzept ist damals nur gescheitert, weil die Technologie noch nicht reif war. In der Zwischenzeit ist aber die Leistungsfähigkeit der Informationstechnik dramatisch gestiegen: das Internet ist entwickelt worden, Cloud Computing ist verfügbar, Künstliche Intelligenz erlebt einen Hype, und viele Erfahrungen aus konsum- und informationsnahen Branchen zeigen bereits die disruptive Veränderung von Unternehmen und ganzen Marktsegmenten.

  • Welche Voraussetzungen auf organisatorischer und technologischer Ebene müssen erfüllt sein, damit sich ein Hersteller von Maschinen in eine Unternehmung 4.0 wandelt?

Ein Unternehmen muss bereit sein, die Digitalisierung offensiv anzunehmen. Es braucht dazu eine positive Einstellung zu neuen, auch fremden Technologien. Es benötig strategisches Denken, Wissen über neue digitale Konzepte, Methoden sowie Technologien und den Mut,  alte bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle in Frage zu stellen und hinter sich zu lassen.

Ein Hersteller von Maschinen braucht konkret eine Strategie für seine künftigen intelligenteren Produkte, seine Smart Factory und sein künftiges Logistikkonzept, um Anforderungen der Kunden nach individuelleren Produkten, kürzeren Lieferzeiten, transparenter Logistik und hoher Qualitätssicherung erfüllen zu können. Gleichzeitig sollte er neue digitale Dienstleistungen für die Überwachung, Steuerung und Wartung seiner Produkte anbieten. Der Anteil an Software wird bei seinen Produkten stark steigen.

Unternehmen, die bisher eher Fertigungsingenieure eingestellt haben, werden deshalb zunehmend Softwareingenieure benötigen. Es findet ein Generationswechsel in den Köpfen und auch beim Qualifikationsprofil statt.

  • Warum sind Integrationstechnologien dabei so wichtig?

Die Komplexität digitaler Geschäftsprozesse erfordert hohe Integrationsleistungen zwischen verschiedenen Systemen. Es müssen Altsysteme aus dem Bereich der ERP Welt mit KI Systemen, mit Plattformen, mit neuen Cloud-basierten Lösungen und vielleicht auch der Blockchain Architektur verbunden werden. Multi Channel ist ein weiteres Stichwort, das bedeutet, dass Kunden über vielfältige IT-Zugänge wie Computer oder mobile Endgeräte kreuz und quer mit einem  Unternehmen verbunden bleiben wollen. All das erfordert umfassende Integrationslösungen. Nach meinen Erfahrungen geht die digitale Transformation mit rund 70 %  Integrationsaufgaben einher.

  • Sind die mittelständischen Unternehmen mit Schlagworten wie Künstliche Intelligenz, Virtual Reality, Augmented Reality und  Blockchain-Technologie nicht überfordert – besteht hier nicht Gefahr, dass die Unternehmen dessen überdrüssig werden?

Überdrüssigkeit ist keine Lösung. Das amerikanische Sprichwort „Thank you for being late“, mit dem man sich beim Konkurrenten bedankt, dass er zu spät kommt, kennzeichnet die Situation. Wir haben bereits ganze Branchen bei Handels- und  Informationsplattformen verloren. Dies darf bei unseren starken mittelständischen Industrieunternehmen nicht passieren.

  • Wenn es künftig möglich ist, dass Maschinen über Unternehmensgrenzen hinweg selbständig miteinander kommunizieren/agieren und nur mit einer überschaubaren Stammbelegschaft arbeiten, wozu braucht es dann noch Unternehmen?

In der Tat stellt sich die Frage, ob Unternehmen in der Zukunft anders aussehen werden. Unternehmen gibt es erst seit wenigen hundert Jahren. Sie haben sich gebildet, um komplexe Aufgaben, bei denen viele Menschen und  Ressourcen beteiligt sind, einfacher koordinieren zu können. Das Gegenteil von Unternehmen sind Marktplatzorganisationen, wo die Ressourcen projektbezogen ad hoc zusammengezogen werden. Diese Marktorganisationen werden durch das Internet unterstützt, da dieses die Koordination auch weit entfernter Beteiligter erleichtert. Insofern können sich Unternehmen verändern, indem sie um ihren Kern herum eine Freelancer Organisation aufbauen, um ad hoc auf zusätzlich benötigte Ressourcen zugreifen zu können. Aber verschwinden werden  Unternehmen mit Sicherheit nicht. So kann man sich auch kaum vorstellen, dass eine Fußballmannschaft bei der Weltmeisterschaft ad hoc zusammengestellt wird, auch hier benötigt man  einen organisatorischen Rahmen, um das Team längerfristig aufeinander einzustellen und das entspricht der Organisation in einer quasi Unternehmensform.

  • Es fällt auf, dass die letzte Unternehmensgründung mit globalem Erfolg in Deutschland, die SAP AG, bereits Jahrzehnte zurückliegt. Währenddessen sind in den USA und China eine ganze Reihe neuer digitaler Unternehmen mit Milliardenumsätzen und -bewertungen entstanden. Wir haben eine komplette Unternehmer-Generation ausgelassen. Woran könnte das liegen?

Zunächst zeigt das Beispiel SAP AG, dass es aus Deutschland heraus möglich war und ist, international erfolgreiche IT Unternehmen aufzubauen. Wir haben nur leider die konsum- und informationsorientierten  Produkte nicht rechtzeitig  in ihrer Bedeutung für die Digitalisierung erkannt. Aber die materiellen Produkte, die für die Stärke Deutschlands stehen, also der Automobilbau, der Maschinenbau  oder die Chemie, werden bei der Digitalisierung folgen. Die Produkte werden  intelligenter und durch intelligente Dienstleistungen ergänzt. Hier steht die Herausforderung, die bestehenden Produkte durch Digitalisierung zu verteidigen, gleichzeitig aber auch die Chance, durch neue Technologien neue Produkte zu entwickeln und auch mit Neugründungen internationale Erfolge zu zeitigen. Auch im IT-Markt sehe ich Chancen, neue international erfolgreiche Unternehmen zu entwickeln. Hier zeigen die Start-up Szenen in Berlin, München, Aachen oder Karlsruhe ermutigende Ansätze.

Der amerikanische Unternehmer und Internetpionier Marc Andreessen hat den Satz geprägt, „Software is eating the World“ und bringt damit deren Bedeutung auf den Punkt. In vielen Fällen wird von der Leistung der Computer gesprochen, etwa bei der computergestützten Übersetzung von Texten, aber man meint in Wirklichkeit die Software, die auf dem Computer eingesetzt wird. In der Tat ist heute die Software der wirksamste Hebel bei der Digitalisierung. Dieses bedeutet, dass in unseren Studiengängen für technische Anwendungen wie Maschinenbau, Chemie oder  Physik Software eine immer größere Rolle spielen muss. Und hierbei dürfen wir nicht immer nur auf ausländische Systeme zugreifen, weil wir dann immer der Entwicklung nachlaufen. Wir müssen vielmehr selbst die Software-Architekturen entwickeln, um das Ineinandergreifen  zwischen fachlichen Disziplinen und der Innovationskraft von Software selbst gestalten zu können.

  • Auf der anderen Seite ist Wolfang Wahlster der Ansicht, dass Deutschlands Stärke in der Veredelung unserer Produkte durch KI-Anwendungen und in Smart Services liege. Stimmen Sie dem zu?

Ich stimme meinem Freund und Kollegen Wolfgang Wahlster zu, möchte aber ergänzen, dass die Nagelprobe sein wird, ob wir es schaffen, unser Wissen in die Tat umzusetzen. Dieses bedeutet, dass wir es wirklich schaffen, an der Spitze zu liegen, wenn es darum geht, unsere gegenwärtig erfolgreichen, mehr materiellen Produkte zu digitalisieren und mit neuen Dienstleistungen wie Predictive Maintenance oder Predictive Quality Assurance zu ergänzen. Wenn ich Beiträge lese, in denen die deutsche KI Kompetenz hervorgehoben wird, aber dann Beispiele von dem IBM System Watson oder von Google zitiert werden, dann kommen mir manchmal Zweifel, ob wir wirklich hier schon genügend Kraft zur digitalen Umsetzung eingesetzt haben.

  • In Ihrem Buch bemängeln Sie die Lücke, die in Deutschland zwischen der Forschung und der Wirtschaft besteht. Was könnte man dagegen tun?

Das Verhältnis zwischen Forschung und Wirtschaft hat sich in den letzten 20 Jahren verbessert, kann aber noch wesentlich enger gestaltet werden. Viele mittelständische Unternehmen haben noch Berührungsängste mit Hochschulen und Forschungsinstituten. Die Politik in Deutschland und in Brüssel kann durch die finanzielle Unterstützung von Kooperationsprojekten zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen helfen, auch, indem bürokratische Hemmnisse abgebaut werden. Auch die steuerbegünstigte Forschungsförderung, bei der die Unternehmen selbst die Forschungsrichtung bestimmen und sich nicht um von der Politik ausgeschriebene Forschungsprojekte bewerben müssen, die nicht direkt auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet sind, würde die Innovationsgeschwindigkeit erhöhen.

  • Was das Potenzial der Blockchain-Technologie für die Wirtschaft und Gesellschaft betrifft, sind Sie eher verhalten optimistisch bis skeptisch. Wieso?

Ich beschäftige mich intensiv mit dieser nicht einfachen Technologie. Die Blockchain Technologie befindet sich gegenwärtig in einem Hype, trotzdem sehe ich sie als eine wichtige Innovationsquelle. Dies geht weit über die bisher dominierenden Anwendungen in der Finanzindustrie hinaus.  Vorteilhafte Anwendungen der Blockchain Architektur sind die lückenlose Dokumentation aller Transaktionen bei der Produktentwicklung, enge Verzahnungen von Zulieferketten oder der Austausch von Maschinendaten über Unternehmensgrenzen hinweg. Wichtig ist mir aber, konkret zu prüfen, ob die Eigenschaften von Blockchain wie  sichere Identitäten durch Kryptografie, Unzerstörbarkeit von Informationen und Transparenz auch wirklich bei einer Anwendung erforderlich sind. Deshalb glaube ich, dass es zu hybriden Anwendungen kommen wird, bei denen Teile  eines Geschäftsprozesses in einer Blockchain gekapselt sind, andere Teile aber mit herkömmlichen Softwaretechnologien bearbeitet werden. 

  • Was meinen Sie: Bekommen wir in Deutschland noch die Kurve in Sachen Digitalisierung?

Ich glaube, wir brauchen einen Ruck durch Politik, Forschung, Unternehmen und Gesellschaft, um eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. J.F. Kennedy hat es vorgemacht, indem er das Programm für die Mondlandung als Vision für sein Land vorgegeben hatte. Eine ähnliche Vision brauchen wir auch für Deutschland und Europa.

Dass es möglich ist, einen bereits verloren geglaubten Markt zurückzugewinnen, hat das Airbus Projekt gezeigt. Auch hier haben Politik und Wirtschaft zusammengearbeitet. Leider habe ich zur Zeit den Eindruck, dass sich viele Politiker eher mit internen Querelen beschäftigen, anstatt die Zeichen der Zeit für den disruptiven digitalen Wandel zu erkennen. Sie gefährden damit unsere wirtschaftliche Zukunft und damit unseren Wohlstand!

Veröffentlicht unter Interviews, Sachbücher, Wissenschaftliche Arbeiten | Hinterlasse einen Kommentar

Sackgasse Hochautomatisierung? Praxis des Abbaus von Overengineering in der Produktion

Aus dem Jahr 2001 und z.T. immer noch aktuell:

Der Trend zur Hochautomatisierung im Hochlohnland Deutschland schien lange ungebrochen. Es zeigt sich jedoch, dass in der Praxis bei mehr als einem Drittel der Betriebe mit automatisierten Lösungen die damit verbundenen Erwartungen nicht erfüllt werden konnten. Viele dieser Betriebe haben bereits eine Reduzierung des Automatisierungsniveaus bei bestimmten Teilsystemen durchgeführt. Der wichtigste Grund für die Unzufriedenheit ist die Inflexibilität dieser Anlagen. Die Flexibilitätsanforderungen, die sich durch Umsatzschwankungen aber auch Produktionsumstellungen auf neue Produkte ergeben, können nur mit erheblichem Aufwand bei hochautomatisierten Anlagen umgesetzt werden. Dies trifft in besonderem Umfang auf den Bereich der Montage zu. Fast 50 Prozent der Betriebe mit einem starken Umsatzwachstum haben ihr Automatisierungsniveau beim Materialfluss in der Montage bereits reduziert oder planen dies. Diese Ergebnisse sind unabhängig von der Betriebsgröße.

Betriebe, die bereits Overengineering in der Produktion abgebaut haben, kehren jedoch nicht einfach zu den Produktionskonzepten vor der Automatisierung zurück. Vielen Betrieben gelingt es, die Erfahrung sinnvoll umzusetzen und bei einem reduzierten und angepassten Automatisierungsniveau ein verbessertes Niveau bei Ausschussquoten und bei der Termintreue zu erreichen.

Quelle / Link: Sackgasse Hochautomatisierung? Praxis des Abbaus von Overengineering in der Produktion

Veröffentlicht unter Wissenschaftliche Arbeiten | Hinterlasse einen Kommentar

Daten einen Wert beimessen (Dennis Snower)

SSIS  (Self Sovereign Identity System) könnte die Basis sein für ein System, mit dessen Hilfe man seinen Daten einen monetären Wert beimessen und sie somit als Zahlungsmittel einsetzen kann – ähnlich wie man für seine Arbeitskraft eine monetäre Gegenleistung in Form von Lohn beziehungsweise Gehalt erhält. Die Erlöse, die mit Nutzerdaten erwirtschaftet werden, könnten wiederum besteuert werden. Die Steuereinnahmen sollten für den weiteren Breitbandausbau sowie möglicherweise auch vergünstigte Internetzugänge für benachteiligte Personengruppen verwendet werden.

Daten werden häufig als Rohstoff der Zukunft bezeichnet. In dem Sinne wären die Digitalkonzerne vergleichbar mit einem Bergwerk, das Daten aus dem Internet fördert. Ein Bergwerk bezahlt für den Abbau von Rohstoffen, indem es die Schürfrechte erwirbt. Gleiches muss künftig auch für die Internetkonzerne gelten: Sie erwerben die entsprechenden Rechte von den Nutzern, den wahren Eigentümern der Daten.

Quelle / Link: Wie man Daten einen Wert beimessen kann

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc., Wissenschaftliche Arbeiten | Hinterlasse einen Kommentar